Der Norden ist Portugals Geschichte, habe ich gelesen, Portugals Identität. Von Norden her haben die Portugiesen im Mittelalter die Mauren aus dem Süden verdrängt, im Norden haben sie ihren ersten König gekrönt, haben sich mit den Spaniern um die Unabhängigkeit ihres Landes geschlagen. Die Männer, mit denen Portugals Aufstieg zur Weltmacht verbunden ist, waren aus dem Norden, Heinrich der Seefahrer, geboren in Porto, und Ferdinand Magellan, der Weltumsegler, aus Sabrosa.Und der Portwein von den Hängen am Fluss Douro, den nicht zu vergessen.
Ich beginne in Porto. Hafenstadt, Industriestadt, Stadt des Verkehrs, des Handels und, wieder die Vergangenheit, Ursprung des Namens Portugal, Portus, Hafen, und Cale, was eine keltische Siedlung während der Römerzeit war.
Porto ist so wichtig wie Lissabon, sagen die Bewohner der Stadt, wenn nicht wichtiger. Nicht nur der Geschichte wegen, nicht nur weil die Ribeira, die Altstadt, Unesco- Weltkulturerbe ist. Es sind auch weniger die fünf Brücken über den Douro, deretwegen Porto für die Leute Portugals Hauptstadt ist, es ist mehr das Geld. Das Geld, das Lissabon mit beiden Händen übers Land ausstreut, sagen sie, das viele Geld erwirtschaften wir hier. Zum Bahnhof ist es nicht weit, er ist mitten in der Stadt, kaum zehn Minuten zu Fuß vom Douro entfernt. Früher war auf dem Gelände ein Kloster für Mönche, und wie ein Haus zum Wohnen sieht der Bau von außen tatsächlich wieder aus. Dann Guimarães. Die Altstadt ist mit Granit gebaut wie für die Ewigkeit, ebenfalls Weltkulturerbe, und es gibt das Kastell. Die Nacht verbringe ich außerhalb von Guimarães, im Paço de São Cipriano, einmal ein Herrensitz,jetzt ein Hotel.
Seit Mitte des 15. Jahrhunderts ist das Haus Eigentum ein und derselben Familie. Dona Maria Teresa de Morais Pimentel Seara Cardoso empfängt. Über achtzig ist sie, Witwe, weißhaarig, gebeugt und sagt »Ich bin die Besitzerin« als Gruß. Von dem Moment an schweigt sie, und ihre Tochter übernimmt, Sottomayor, Ana Isabel Sottomayor, mit einem Bürgerlichen verheiratet. Der Kamin im Empfangszimmer ist schön. Nach allen Seiten hin offen wie ein Lagerfeuer, schwere Säulen und Querträger aus Granit halten den Schlot. Aus Granit auch die Wände des Hauses, 50 Zentimeter dick. Ich bleibe eine Nacht.
Am Morgen bringt mich Ana mit dem Auto zur Bahn, die ins Cima-Corgo-Gebiet fährt, dorthin, wo es die besten Trauben zur Herstellung des Portweins gibt. Dicht fährt der Zug neben dem Douro her, um die Berge rum, an deren Hängen die Rebstöcke in Stufen gepflanzt sind, und immer wieder die weißen Häuser und Gemäuer der Quintas, der Weingüter. Im Bahnhof der Stadt Pinhão steige ich aus. Auf der anderen Seite, jenseits der Gleise, stehen alte Fabrikgebäude. Ich gehe außen rum. Ein Laster im Hof, einen blitzenden Tank hinten drauf. In den wird Wein aus großen Holzfässern im Innern der Häuser gepumpt. Alle Trauben sind von Hand verlesen, erfahre ich, und mit den Füßen gestampft, um den Saft rauszupressen. Der kommt in Holzfässer, wird dann mit starkem Branntwein versetzt. Das hält die Gärung an, und der Zucker bleibt erhalten. Nach einem halben Jahr bringt der Tankwagen das Gemisch nach Vila Nova de Gaia. Dort reift er dann zwei bis sechs Jahre.
Ich soll Portugals älteste Stadt besuchen, hat Ana gesagt, Ponte de Lima, höher im Norden, mit einer Brücke aus der Römerzeit. Bis Braga nehme ich den Zug, dann den Bus. Abend ist es und dunkel, als ich in Ponte de Lima ankomme. Schön wäre jetzt ein Bett. Der Calheiros, der Graf oben, er hat Gästezimmer und vor allem eine gute Köchin, sagt eine Frau. Ein Taxi bringt mich hin. 20 Minuten in die Berge rein, kurvige Strecke mit drei, vier Dörfern, und ich weiß nicht, wo ich bin. Dann eine Parkmauer und eine Einfahrt, dahinter eine Allee und ein großes Haus, ein Mann erscheint, er kommt die Treppe runter.Schlank, zurückgekämmtes Haar, sanfte Miene, Kordhose, Krawatte und Tweed-Sakko, Senhor Francisco de Calheiros e Menezes, der Graf. Er ist auch Präsident des örtlichen Jagdvereins. Alt ist das Geschlecht der Calheiros, 600 Jahre mindestens. Das Haus gleicht einem Museum, und der Graf ist der Museumsführer. Einen Rauchsalon mit Ledercouchgarnitur und Lüstern gibt es, eine Ahnengalerie aus erblindeten Gemälden. Feuersteinpistolen und Hellebarden unter Glas, Banner und Standarten, und es gibt ein Zimmer mit Fotografien, von denen das neueste bestimmt 60 Jahre alt ist. Sie erzählen die jüngere Familiengeschichte.
Die ältere erzählt der Graf dann selbst beim Dinner mit Porzellangeschirr und silbernem Besteck. Um Schlachten geht es, darum, dass ein Garcia Lopes de Calheiros die Eroberung von Tanger 1471 mitgemacht hat und dann Alfons V. half, die Spanier endgültig zu besiegen, und als der Graf aufhört zu erzählen, ist es spät, und wir sind in seinem Privatkabinett bei Port, Zigarre und Kaminfeuerschein. Am Vormittag ist die Sonne da, und vom gräflichen Park aus unter Magnolien- und Eukalyptusbäumen ist das Limatal zu sehen. Platanenund Kastanienwälder, Pinienhaine, Ölbaumplantagen und manchmal Palmen. Und Wein, den Vinho Verde machen sie hier. Weit hinten der Atlantik, hinter der Gebirgskette.
Senhor Calheiros hat Blumen in die Kapelle gebracht. Er steht in der Gruft, betrachtet die Granitplatte, unter der die Eltern bestattet sind. Er nicht, sagt er. Er will lieber unten auf dem städtischen Friedhof liegen. Er hat wieder das Intensive im Blick und sagt nun, dass es mit dem Auto nur anderthalb Stunden bis Santiago de Compostela in Spanien sind. Melancholisch, nicht dunkel, denke ich bei mir. So wie sie sagen, so ist Portugals Norden nicht.
Thomas Feix, Jahrgang 1959, ist gelernter Rinderzüchter und Historiker. Er schreibt seit 2005 Reportagen und Porträts, unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, merian, taz, Freitag und Welt am Sonntag
