Lust auf Meer? Algarve!

Portugals Südküste verführt. Wer lauschige Strände, fangfrischen Fisch und Krustentiere liebt, der ist hier richtig // von Winfried Bährsch und Albrecht Heinz


Haben wir uns in der Adresse geirrt? Neonlicht scheint auf Holztische mit Papierdecken, ein Fernseher flimmert in der Ecke, laut ist es, und die flinken Kellner bringen ungefragt neues Imperial-Bier, wenn ein Gläschen leer wird. Das soll der Geheimtipp für Gourmets sein? Auf den ersten Blick wirkt die „Marisqueira Rui“ mitten in Silves nicht wie eine Traumadresse für Algarve-Romantiker. Aber schließlich sind wir neugierige Optimisten und wünschen uns nach der Fahrt in den Westen der Algarve nichts mehr als einige genussreiche Stunden.

 

Ferragudo OLIMAR Zeitung 02

 

Gut, dass wir geblieben sind. Der Duft von warmen Brötchen mit Knoblauchmayonnaise mischt sich mit einer salzigen Brise, und schon bei näherem Hinschauen offenbart sich ein atlantisches Schlaraffenland: In einem riesigen Aquarium krabbeln Langusten und Hummer, auf Eis liegen die raren perceves (Entenmuscheln), die mutige Männer von den steil ins Meer stürzenden Felsen ernten. Brassen und Petersfische konkurrieren in feinsten Silberkostümen mit bunt schillernden Gambas und Garnelen um den Schönheitspreis wie bei einer Miss-Atlantik-Wahl. Verführerischer kann ein Angebot an Meeresgetier nicht sein.

 

Munter geht’s zu, überall wird geplaudert, gelacht – und gehämmert. Gäste knacken mit Holzhämmern die zehnbeinigen sapateiras und probieren die Füllung der Taschenkrebse mit Fleisch, Koriander, Zwiebeln, Eiern und Bier zum frittierten Brot. Wir kosten in Weißwein gegarte amêijoas (Herzmuscheln) und bissfeste búzios (Purpurschnecken), schließlich die riesigen santolas (Meerspinnen), die nur mit Salz und Knoblauch gewürzt sind. Großartig! Rui, Inhaber der „Marisqueira“, sitzt mit Freunden am Nachbartisch. „Beim nächsten Besuch müssen Sie den Meeresfrüchte-Reis im Tontopf essen. Darin haben wir den ganzen Atlantik versenkt. Und wo, bitte schön, finden Sie in Europa frischere Meeresfrüchte?“, ruft der sympathische Wirt. „Nirgendwo“, antworten wir wohlerzogen. Dieses Lob bringt uns einige finos ein, so heißen die Gläschen mit dem Bier.
Dabei haben wir nicht einmal der Wahrheit geschmeichelt. Von Ost bis West werden an der 150 Kilometer langen Algarve-Küste Schätze aus dem Meer gefischt: Krustentiere und Hummer in Sagres, Seezungen und Zackenbarsch in Lagos, Sardinen in Portimão und Garnelen in Vila Real de Santo António. Die meisten Fische landen zwar in den Auktionshallen, manchmal aber kann man Tintenfisch und Goldbrasse noch direkt vom Kutter kaufen. Selbst landwärts reizt die Küstenregion mit einem reichen Angebot: Im Hinterland der Algarve spazieren Alentejo-Schweine über die weite Ebene, und in den Bergen zupfen Monchique-Lämmer die salzreichen Blumen und Gräser. Prächtige Tomaten reifen in der Sonne, Mandel- und Orangenbäume blühen, aus grasgrünen Oliven gewinnen die Bauern fruchtiges Öl. Die Portweine genießen längst Weltruf, und inzwischen erforschen ambitionierte Winzer die Geheimnisse der unendlichen Vielfalt portugiesischer Reben, deren Namen wie Loureira, Perrum, Touriga Nacional oder Encruzada selbst für Experten ziemlich exotisch klingen. Mit einem alten Kastenwagen und drei Rottweilern ist Nico Böer vor mehr als 30 Jahren an die Algarve gekommen, um Surflehrer zu werden. Dass er heute höchst erfolgreich im Geschäft mit dem noblen flor de sal mitmischen würde, hätte er sich damals nicht träumen lassen. Vor neun Jahren haben Böer und seine Partnerin Andrea Siebert eine heruntergekommene Saline nahe Tavira wieder hergerich- tet und betreiben sie nach der traditionellen Methode.Böers Salz steht auch bei einem der besten Algarve-Köche auf dem Tisch. „Amadeus“ heißt die Villa an der Straße von Almancil nach Quarteira, und diesen Namen kann eigentlich nur ein Österreicher wählen. Chefkoch und Patron Siegfried Danler- Heinemann, der im „Le Canard“ in Hamburg gearbeitet hat, führt, ganz Patriot, auch Wiener Schnitzel und Tafelspitz auf seiner Speisenkarte. Sein Gespür für feine Aromen entfaltet sich aber erst bei seiner mediterranen Küche. Den Atlantik-Hummer richtet er mit frischen Sojabohnen und einem federleichten Melonenragout an, den Tintenfisch mit Dicken Bohnen und Artischocken, denen eine Sauce aus vollreifen, vor Aroma strotzenden Alentejo-Tomaten eine wohltuende Süße entgegensetzt. In Fischsud gart der Küchenchef schließlich ein St-Pierre-Filet und serviert es mit Fenchelkraut und feinsäuerlichen Linsen auf geschmorten Gartengurken. „Das naturbelassene Salz ist ideal für Salate, Carpaccio und natürlich für diesen Fisch“, begeistert sich der passionierte Hobbykoch Böer, der mit uns im „Amadeus“ am Tisch sitzt.

 

Aufbruchstimmung herrscht an der Algarve, und sie beflügelt nicht nur die Gastronomie. Die Zentren vieler Städte wie Faro wurden verkehrsberuhigt, fröhliche Plastiken säumen die Avenidas, und Fischerdörfer wie Carvoeiro und Ferragudo bezaubern mit ihrem Charme. In Tavira, einem der traditionsreichsten Städtchen im Osten der Algarve, wird Haus für Haus renoviert, das Kloster Convento da Graça wurde kunstvoll in das Hotel „Pousada da Tavira“ verwandelt, und heimische Maler präsentieren in der Markthalle ihre Werke.

 

Auf 22 Hektar subtropischer Gartenlandschaft wirken die sechs Häuser und Villen der Familie Pohl wie ein apartes Dorf, großzügig und doch intim, so sind auch die Zimmer im portugiesischen Landhausstil. Prominente und Betuchte ziehen sich in schicke Suiten und Villen mit eigenem Pool zurück. Für die „Vila Vita Parc“ braucht man Zeit: Zwischen Palmen, Bougainvilleen und Ententeich verteilen sich Pools, Restaurants und Bars, die Beauty ist so exklusiv wie der Golfplatz, die eigene Yacht und der idyllische Sandstrand zwischen den Felsen der Alporchinhos- Klippe. Auf Gastronomie wird seit Jahren größter Wert gelegt, allein der Weinkeller birgt 62 000 Flaschen, darunter die vom eigenen Gut Herdade dos Grous im Alentejo (mit Hotel und Restaurant).

 

Seit 2007 kocht Hans Neuner im Gourmetrestaurant „Ocean“, nachdem er viele Jahre mit Karlheinz Hauser im Berliner „Adlon“ und im „Seven Seas“ auf dem Hamburger Süllberg gearbeitet hatte. Der ehrgeizige 32-Jährige hat rasch begriffen, wie gut er es hier hat: „Aus meiner Wohnung schaue ich aufs Meer. Was kann ich mir Schöneres wünschen? Fische und Krustentiere ausdem Atlantik sind sensationell, erstklassige Früchte und frisches Gemüse kaufe ich manchmal bei Händlern auf der Straße, das Fleisch natürlich bei unserem eigenen Metzger.“ Am nächsten Morgen sind wir mit dem Gastronomie-Direktor Kurt Gillig verabredet; natürlich ist auch er Österreicher. Der gelernte Koch ist Algarve-aficionado, leidenschaftlicher Gourmet und liebt die regionale Küche. „Eine Garde guter Köche hat die kulinarischen Wurzeln der Region wiederentdeckt“, wirbt Gillig – zum Beispiel in der „Marisqueira Rui“, im „4 Águas“ in Tavira oder im „Veneza“ in Mem Moniz. „Sie sollten unbedingt ins ‚A Eira Do Mel‘ in Vila do Bispo an der Westküste fahren“, rät er. „Es sind nur wenige Kilometer, und José kocht einfach großartig.“

 

Am nächsten Morgen fahren wir vom Hotel nach Albufeira und bummeln durch die hübsch gepflasterten Gassen des Fischerdorfs, das sich längst zur internationalen Urlaubermetropole gewandelt hat. „Sunshine Capital“ heißt der Ort in seinen Werbeslogans und macht inzwischen mit seinem Nachtleben mehr Furore als mit seiner historischen Bausubstanz. Uns ist es heute zu trubelig hier. Wenige Kilometer abseits des Rummels von Albufeira finden wir die Praia do Evaristo, einen kleinen, nicht überlaufenen Strand, der sich in den bizarr geformten Felsen versteckt. Auf dem samtweichen Sand spüren wir die Sonne und das Salz auf unserer Haut, nachdem der glasklare, reichlich kühle Atlantik unsere Lebensgeister in Sekundenschnelle geweckt hat. „Eine Speisenkarte haben wir nicht“, empfängt uns der Barmann im Strandrestaurant „Evaristo“ zum Mittagessen, „unser frischer Fisch wechselt nun mal täglich. Suchen Sie sich bitte an der Fischtheke aus, was Ihnen gefällt!“ Zum weißen Alvarinho-Wein in feinen Gläsern genießen wir vollfleischige Muscheln, die kräftig mit Koriander und Zitrone gewürzt sind. Nach 20 Minuten bringt der fixe Service den gegrillten sargo an den weiß gedeckten Tisch. In seiner kraftvollen Schlichtheit ist das Rotauge eine Köstlichkeit, zumal Wirt Jorge Gonçalves dazu kleine Pellkartoffeln stellt, leicht angedrückt und mit gutem Olivenöl und etwas Knoblauch gewürzt. Portugals Fußballlegende Luís Figo, einem Stammgast, hat’s offenbar auch geschmeckt. Sonst würde er da am Nebentisch ja nicht so strahlen. Nach Zitronenkuchen und bica, dem kleinen schwarzen Kaffee, gönnen wir uns am Strand eine sehr ausgedehnte Siesta – bis die Sonne hinter den rötlich schimmernden Felsen versinkt.

 

Winfried Bährsch ist Redakteur Reise bei DER FEINSCHMECKER, Deutschlands führende Gourmet-Zeitschrift