Und nun zum Wetter

Weiter bis wolkig: Ein Besuch auf den Azoren – den Inseln, auf denen das Hoch geboren wird


Karte Portugal Azoren 200x170Kurz nach dem Regen, wenn die Windböen sich legen und die Sonne durch die dunkle Wolkendecke bricht, wenn der Straßenbelag anfängt zu schimmern, wenn die leuchtenden Hausfassaden in den Augen schmerzen, wenn die Wassertropfen träge aus den Baumkronen fallen, kurz nach dem Regen sieht die Azoreninsel Faial aus, wie ein frisch gemaltes Gemälde,das noch trocknen muß. Kurz nach dem Regen ist auf den Azoren aber immer auch kurz vor dem Regen, und so ist dieser malerische Moment ein kurzer Augenblick, der schon bald vom nächsten Schauer davongeschwemmt wird. Die Stimmungen auf den Azoren, jener portugiesischen Inselgruppe, die sich mitten im Atlantik befindet, sind kurzweilig. Regen, Sonne, ein Regenbogen, der sich für wenige Sekunden vom brandenden Atlantik über den Monte da Guia und über die Stadt Horta bis hin zum Ponta da Espalamaca spannt. Wind, Wolken, ein großer Schatten, der über die grünen Almen zum Cabeço Gordo hinauf klettert und in der Weite verschwindet. Vereinzelt grauweiße Wolkenfetzen bleiben in den Bergflanken hängen und schaukeln wie nasse, träge Laken im Wind. Da beginnt es schon wieder zu regnen, der Wind frischt auf, peitscht die Tropfen senkrecht über die Insel, und das Spiel beginnt von vorne.
Auf Faial, und auch auf den acht anderen Inseln verursacht das berühmte Azorenhoch – mag es noch so sehr Synonym für sonniges Wetter in Mitteleuropa sein – vor allem im April und Mai sehr turbulente Wetterwechsel. „Vom Golfstrom klimatisch umschmeichelt“, nennen das Meteorologen. Vor Ort lautet die Übersetzung dieser Formulierung: „Wir haben hier jeden Tag vier Jahreszeiten.“ So wie das Wetter die Azoren prägt, prägt das Azorenhoch das Wetter in Europa.
Deswegen gibt es drei große Wetterstationen, eine auf São Miguel, eine auf Terceira und die älteste, das „Observatório Príncipe Alberto de Monaco“, auf Faial. Seit 1901 thront das Gebäude auf einem Hügel über der Stadt, und seine steinernen Fassaden kämpfen seither gegen die Witterung. Drinnen scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Schwere Schreibtische, Ledersessel, das Bild von Prinz Albert I. von Monaco – alles Original-Inventar aus der Gründungszeit der Station, das ihr einen musealen Charakter verleiht. Und dazwischen steht Olivia Furtas Branco, die Leiterin der Station, eine kleine und wachsame Person, die begierig darauf ist, den offenbar seltenen Besuchern alles zu zeigen. Sie deutet auf die Weltkarte an der Wand und erklärt ganz einfach und mit einem Satz die Bedeutung des Azorenhochs: „Immer, wenn wir schlechtes Wetter kriegen, dann wandert das Azorenhoch nach Mitteleuropa.“ So einfach ist das.
Auf São Miguel führt eine Paßstraße durch die dichte Vegetation hinein in die Wolken. Oben angekommen, wo der Wind die Nebelschwaden über den Bergkamm peitscht, sieht man die beiden Vulkankrater-Seen, den blauen Lagoa Azul und den grünen Lagoa Verde, ein Wiedererkennungssymbol für die größte Azoreninsel. Es ist kalt und ungemütlich, und nur einige Touristen vom portugiesischen Festland haben Spaß daran, sich mit ausgebreiteten Armen rückwärts in den Wind zu lehnen. Deckweiße Quellwolken türmen sich am blaugrau schimmernden Himmel. Darunter erstreckt sich eine bleigraue Gewitterlinie, aus der schwerer Regen wie dunkle Farbe hinunter in den Atlantik rinnt. Dann geht wieder mal alles ganz schnell. Ein großer Reisebus fährt auf den Parkplatz oberhalb der beiden Seen, die Wolke verzieht sich, die Bustüren öffnen sich, und eine Touristengruppe aus dem unten im Hafen ankernden Kreuzfahrtschiff „Arcadia“ schiebt sich schnell wie eine Gewitterwolke durchs Bild. Foto hier. Klick. Foto da. Klick. Kurze Erklärung des Reiseführers; Legende zu den Seen und den Azoren als Reste des sagenhaften Kontinents Atlantis und seinen sieben Städten, die sich einst hier befanden. Noch mal Foto. Klick. Und zurück in den Bus. Weiter. Nächste Station, Lagoa da Furnas.
Der Reisebus verschwindet in den Kurven der Straße, und der schwarze Wolkenstreifen ziert schon wieder den Himmel. Wären die Gäste der „Arcadia“ doch nur zehn Minuten länger geblieben. Hätten sie doch nur im Café „San Nicolau“ für fünfzig Cent einen Espresso geordert und aus dieser schlichten Bar heraus die Umgebung bewundert. Wie die Sonne durch die Löcher im Himmel auf die Hortensienhecken strahlt. Wie die beidenSeen grün und blau schimmern und sich wenig später im Schatten der Gewitterlinie in tiefes Schwarz hüllen. Wie der Wind wieder auffrischt und die Katzen in die offenstehenden Kellerfenster flüchten. Wie es dunkel wird. Und wie es wieder zu regnen beginnt.
Egal auf welcher Insel man ist, auf São Jorge, Terceira, Graciosa, Santa Maria oder São Miguel – die Bewohner sprechen immer von der mit Abstand schönsten Azoreninsel. Und irgendwie haben sie alle recht. Die Schönheit der Azoreninsel ist austauschbar. Auch wenn jede Insel ihren eigenen Charakter und ihre Spezialitäten hat, so ist die Landschaft überall beeindruckend, sind die Wetterstimmungen überall wunderschön, und überall läßt der fruchtbare vulkanische Boden so ziemlich alles gedeihen, was die Flora zu bieten hat und was irgendwann von Siedlern und Seefahrern hierher gebracht wurde: Zedern aus Australien, Palmen aus Spanien, Rispen aus dem Himalaja.
Andreas Lesti, geboren 1975, schreibt seit 2001 als freier Journalist für Tageszeitungen und Magazine. Der Azoren-Reisebericht ist eine gekürzte Version aus der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“

OLIMAR bietet verschiedene Rundreisen auf die Azoren an.