Herrlich. Der 2004er Carruxa im Glas ist zartgelbund leicht, die Kressesuppe mit Hüttenkäse mild würzig. Hier, im »Bica di Sapato«, treffen sich Lissabons Reiche und Schöne zum Lunch. Lächelnde Konversation, Retro-Kunst an hohen Wänden, hinter getönten Scheiben fließt der Tejo gemächlich vorbei. Die Unruhe kommt, als ich gerade mit dem gegrillten Stockfischfilet mit Bratkartoffeln, Petersilie, Eiern und Zwiebeln beginnen will.
Abel Xavier, Ex-Verteidiger von Hannover 96, steht plötzlich mitten im Restaurant, zwei Fotografen dabei. An die zwei Meter groß, mächtige Brust, weiße Hose, weißes Hemd, Goldkettchen, Sonnenbrille. Draußen, im Hof, ein schwarzer Lamborghini. Die Damen recken die Köpfe, die Herren senken den Blick. Xavier nimmt auf der Terrasse Platz, unter weißen Sonnenschirmen, und redet auf die Fotografen ein. Angeblich 850.000 Euro wert, der Xavier. Ich beobachte ihn und denke daran, was ich von Joana gehört habe, der Concierge in meinem Hotel. Dass Cameron Diaz hier verkehren soll, wenn sie in Europa ist.
John Malkovich ganz sicher. Wenn er in der Stadt ist, um Partner zu treffen, um Projekte zu besprechen. Er besitzt zwei Apartments in Lissabon, er ist Miteigentümer des »Bica di Sapato«. Und der Diskothek »Lux Fragil« gegenüber. Die coolsten Gäste, die besten DJs, schreiben die Reiseführer. Und im »Bica di Sapato« das trendigste Essvergnügen. Zehn, zwölf Leuten aus Lissabons Künstler- und Intellektuellenszene gehören Restaurant und Club. Malkovich ist einer von ihnen. Was er wohl jetzt macht? Nach dem Film über Gustav Klimt? Wieder was über einen Besessenen? Mir fällt der Film »Being John Malkovich« ein, ein Reisebüro vermittelt Touren in Malkovichs Inneres.
Genau. Ich sehe auf dem Stadtplan nach. So will ich Lissabon erleben, von innen. Die Menschen, die Straßen, die Häuser. Die Mischung aus arabischer, europäischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Kultur. Joana hat mir den Fado empfohlen, Lissabons Gesang. Die Docas, die alten Speicher. Das Spielkasino. Und Bairro Alto, das Viertel, in dem die jungen Lissabonner zu finden sind. Bei Partys, die zehn Uhr abends beginnen und nie vor sechs Uhr morgens zu Ende sind, 365 Tage im Jahr.
Nuno, den ich am Platz des Handels treffe, schreibt mir das »Elefante Branco« auf, das »Galery«, das »Night and Day«. Stipe, der junge Kroate, der unter den Kolonnaden an der Rua Augusta seine Bilder an Touristen verkauft, nennt mir das »Mezcal«, eine Bar im Bairro Alto. Blow Job, Viagra, Deep Throat. Cocktails, alle nur einen Euro, sagt Stipe. Ich fange doch lieber erst mal mit Joanas Empfehlungen an.
Den »Docas de Santo Amaro«. Den alten Speichern, zu Restaurants und Bars umgebaut. An der Pier unterhalb einer Tejobrücke, die der Golden Gate Bridge in San Francisco ähnelt und auf die Autobahn nach Süden führt, an die Algarve. Wie eine Fachwerkhausreihe stehen sie da, die Docas, rot und schwarz gestrichen, prächtig, mit Blumen garniert, es ist nachmittags um vier, es ist sehr schön an der Pier, sehr mild, aber viel zu früh, die Docas sind so gut wie leer.
Ich nehme ein Taxi zurück ins Zentrum. Bairro Alto. Die Oberstadt. Eng, schnell, laut, berühmt. Die »Pasteleria Emenda« in der Rua Atalaia ist voll, viele der Gäste stehen, Einheimische, Touristen. Ein Kaffee kostet 50, ein Stück Kuchen 25 Cent.
Ich beginne den Abend auf der Dachterrasse des Hotels »Bairro Alto«, am Platz Luis de Camões, 5. Stock. Die beste Aussicht auf Lissabon, den Tejo und das jenseitige Ufer. Die Luft ist klar, über dem Wasser, über dem Land, weit die Sicht, kilometerweit, bis nach Montijo hin. An der Bar Karsten und Mafalda. Sie leben und arbeiten in Paris, sie ist Portugiesin, er Deutscher, sie werden in Lissabon heiraten.
Ich fahre ins Spielkasino. Auf dem ehemaligen Expogelände, das heute Park der Nationen heißt. Ein schwarz verglaster Würfel, ein runder Anbau, entworfen von Fernando Jorge Correira, Architekt, Portugiese. Davor die Statue »Male Torso« von Fernando Botero, in Bronze. Innen ist das Kasino wie ein I-Max-Kino. Bunt, riesig, voller seltsamer Geräusche. Früher war es der Zukunftspavillon der Expo. Jetzt sind 800 Slotmaschines drin, drei Restaurants, vier Bars, 25 Spieltische, an denen Bakkarat gespielt wird, Blackjack und Roulette.
Miguel Sanches, der Public-Relations-Manager. Ein kleiner weißhaariger Mann im goldgeknöpften Zweireiher. Er zeigt mir Macao-Chinesen, die sich an runden Tischen über ein Spiel beugen, das French heißt, aber portugiesischen Ursprungs ist. Dann die vielen älteren Damen, die an den Slotmaschines sitzen, oft seit acht Stunden, die Handtasche auf dem Schoss, Münzen in der einen Faust, Pinienkerne in der anderen. Mit dem Einsatz von einem Cent kann der Spieler 2000 Euro gewinnen. Auf einmal. Herr Sanches sagt, dass 85 Prozent des Kasinogewinns aus den Slotmaschines kommen.
Menschenströme kommen mir entgegen, als ich das Kasino verlasse, es ist kurz vor eins, das Kasino schließt um sechs, um acht. Wieder Bairro Alto. Eine graumelierte Frau in einem langen schwarzen Kleid singt, von zwei Gitarren begleitet, die Augen geschlossen, als ich das »Luso« betrete, ein Fado-Restaurant in der Travessa da Queimada. Es ist von Kerzen erleuchtet und bis auf den letzten Platz besetzt. Spei-sen stehen auf weißen Tischtüchern. Der Fado. Er ist Tremolo und Moll, Schicksal eben. Entstanden in den Hafenkneipen und Armenvierteln Lissabons. Klagend, sehnsüchtig, schluchzend. Ein Nationalheiligtum, und seine Interpreten sind Helden. Ich suche das »Mezcal«, die Lieblingsbar von Stipe, dem kroatischen Maler. Die Rua da Rosa entlang. Vor den Bars stehen und sitzen sie, die Partyverrückten, die Straße rauf und runter, in Trauben, einander zugewandt. Sie finden sich schnell. Der erste Blick wie zufällig, der nächste gezielt. Ein Augenaufschlag, ein Lächeln, ein Schnalzen genügen, wozu reden, wozu Zeit verlieren.
Das »Mezcal«, fast am Ende der Straße, winziger Raum, winziger Tresen. Von Manoel, dem Barkeeper, lasse ich sie mir vorführen: Deep Throat (Kaffeelikör, Schlagsahne, Pfeffer), Viagra (Absinth, Batida de Coco), Blowjob (Kaffeelikör, Bailey’s, Schlagsahne). Außerdem Kalaschnikow, Manoels Favoriten (Wodka, Zitrone, Zucker, anzünden). Ich soll probieren, alle vier. Mir fällt das »Lux Fragil« ein. Dass ich hin wollte, heute Nacht noch, unbedingt. Vielleicht ist John Malkovich da, vielleicht so, wie in »Gefährliche Liebschaften«. Als Vicomte de Valmont. Im taillierten Überrock und mit Michelle Pfeiffe als Madame de Tourvel.
Im »Lux Fragil« legen M.A.N.D.Y auf, zwei DJs aus Deutschland. Es ist weit nach vier Uhr morgens, das Thermometer über der Avenida Infante Don Henrique zeigt 19 Grad an. Unterhalb des Kastells blitzen die Lichter, der Tejo schwappt leise an die Kaimauer. Ich gehe nicht mehr rein. Ins »Lux Fragil«. Die vier Türsteher sind wie eine Front, undurchdringlich. Ich gehe ins Hotel. Ich muss an Abel Xavier denken. Und an den Lamborghini. Wim Wenders hat einen seiner schönsten Filme in Lissabon gedreht, »Lisbon Story«. Ein Mann, der in den engen, steilen Gassen unterwegs ist. Und dabei sich selbst findet.
Tipp: Ein Tagesausflug mit dem Mietwagen von der Algarve nach Lissabon dauert zwei bis drei Stunden Fahrzeit pro Strecke. Und wer das Nachtleben am Tejo ausprobieren möchte, für den hat OLIMAR die größte Auswahl an Stadthotels im Programm.
