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Galicien und der Jakobsweg: Von guten Hexen und edlen Rettern – ein Interview

Miguel Reguero Carrasco ist Mitinhaber der nordspanischen Zielgebietsagentur Rutas Meigas in Santiago de Compostela, der Hauptstadt Galiciens. Er ist seit Jahren ein bewährter Partner von OLIMAR und arbeitet genau wie seine Mitarbeiter zurzeit im Homeoffice. Ein Gespräch über seine Heimat Galicien, den Jakobsweg und die Zeit nach Corona. 

Miguel, Du arbeitest seit Mitte März von zuhause aus. Wie geht es Dir und Deinen Mitarbeitern?

Am 14. März mussten wir unser Büro schließen. Rutas Meigas hat vier feste Mitarbeiter und allen geht es zum Glück gut. Wir alle arbeiten vom Homeoffice aus, und zwar solange, wie das erforderlich sein wird.

Was siehst Du, wenn Du im Homeoffice aus dem Fenster schaust?

Ich wohne in der Altstadt von Santiago de Compostela und genieße eine tollen Blick bis zur Kathedrale. Zum Glück haben wir auch einen Garten. Dass wir zurzeit nicht rausgehen können, überstehen Paula und ich ganz gut. Paula ist meine Frau. Sie ist Schriftstellerin und sowieso an Homeoffice gewöhnt.

Du hast in Deutschland, auf den Balearen und in Ägypten gelebt. Was hat Dich nach Galicien „verschlagen“?

Meine Laufbahn bei Melia führte mich irgendwann nach Magaluff auf Mallorca. Diese Touristenhochburg mit viel Partytourismus vor allem aus UK war nicht mein Ding: zu laut, zu chaotisch. Paula stammt aus Santiago de Compostela und deshalb beschlossen wir, nach Galicien zu ziehen. 2002 setzten wir mit der Fähre nach Barcelona über und fuhren von dort aus mit dem Auto an der spanischen Nordküste entlang nach Santiago. Auf dieser Fahrt verliebte ich mich in die Orte und Landschaften entlang des Jakobsweges. 

Galicien ist grün, an Regen mangelt es nicht. Warum ist Galicien trotzdem für Reisende aus Deutschland interessant und spannend?

Nicht nur Galicien, auch das Baskenland, Kantabrien und Asturien sind sehr grün. All diese Regionen nennen wir „España Verde“. Wer uns besucht, wird herrliche Landschaften, unberührte Küsten und Gebirge und viel Ruhe finden. Keinen Massentourismus. Die Menschen sind sehr gastfreundlich und die Gastronomie ist top. Hinzu kommen die vielen Kulturschätze und der Jakobsweg. Am bekanntesten ist der Caminon Francés, der von Frankreich herkommend durch die Regionen Navarra, La Rioja und Kastilien bis Galicien führt. Auf dem Jakobsweg zu wandern ist eine Erfahrung, die man nie vergessen wird. Für die einen ist es eine religiöse, spirituelle Erfahrung. Andere suchen einfach nur den Kontakt zur Natur und zu gleichgesinnten Menschen. Die meisten, die ein Stück des „Camino“ kennengelernt haben, ob nun als Pilger, Wanderer oder Biker, sind fasziniert und kommen wieder.

Deine Agentur heißt Rutas Meigas? „Rutas“ ist das spanische Wort für Strecken bzw. Wege, aber was bedeutet „Meigas“?

„Meigas“ ist das galicische Wort für eine bestimmte Art von Hexen, die es nur hier in Galicien gibt. Genau genommen handelt es sich um gute Hexen, wobei es hier natürlich auch böse Hexen gibt (lacht).  Meigas sind verwunschene Wesen, die in der Welt der Legenden und Märchen Galiciens vorkommen. Deshalb und auch wegen der märchenhaften Natur ist Galicien in Spanien als „Tierra de Meigas“ bekannt. Also kam für uns kein besserer Name in Frage: „Rutas Meigas – Wege der Hexen“.

Ihr von Rutas Meigas habt Euch auf den Jakobsweg spezialisiert. Warum?

Nach meiner Etappe bei der Melia Hotelkette begann ich 2002 hier in Galicien in Arzua und Melide Fortbildungskurse in Tourismusmanagement zu geben. Die Orte Melide und Arzua liegen am Französchen Weg. Damals pendelte ich täglich von Santiago in diese Orte und wurde auf die Pilger aus aller Welt aufmerksam. Irgendwann entschloss ich mich, selbst zu pilgern. Nicht nur auf dem Französischen Weg, sondern auch von den damals fast unbekannten anderen Wegen, z. B. dem Portugiesischen Weg und dem Primitivo, dem ältesten aller Jakobswege. Dabei lernte ich interessante Menschen aus der ganzen Welt kennen. Irgendwann war mir klar, dass ich Hobby und Beruf zusammenbringen konnte. Also begann ich damit, touristische Programme rund um den Jakobsweg zu entwerfen und diese Reiseveranstaltern anzubieten. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, in Amerika, Asien und Australien.

Steckbrief: Miguel Reguero Carrasco

  • Miguel wurde 1971 in Sevilla geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Deutschland. Seine Laufbahn in der Touristik begann 1995 auf Mallorca bei Melia als Animateur. Es folgten Stationen u. a. auf den Kanaren, Balearen und Ägypten, wo er als Executive Purchase Manager arbeitete.
  • Hobbys: mit Freunden treffen, wandern, reisen, Kino und etwas Sport (nicht zu viel)

Außer Wandern, was kann man denn sonst noch auf dem Jakobsweg machen?

Was den Jakobsweg einzigartig macht, sind die zwischenmenschlichen Erfahrungen. Man hat Gelegenheit, Menschen aus anderen Ländern, aus ganz unterschiedlichen Kulturen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen. Wer nicht laufen will, kann den Weg auch mit dem Fahrrad zurücklegen oder auf dem Rücken eines Pferdes. Und unterwegs gibt es so viel zu entdecken: traumhafte Landschaften, bekannte und unbekannte Kulturschätze, Weingüter und Bodegas und natürlich die authentische Gastronomie Nordspaniens.

Auf Instagram habe ich ein Foto von Dir im mittelalterlichen Ritterkostüm gesehen. Was steckt dahinter?

Auf dem Bild trage ich den weißen Umhang des Jakobsweg-Ordens. Er hat über 1000 Mitglieder, Ritter und Damen. Sein Ziel ist die Förderung des Jakobsweges und seiner universellen Werte: Anstrengung, Solidarität, Gastfreundschaft und Großzügigkeit. Nachdem ich mehrere Jahre auf internationen Touristikmessen und Workshops unterwegs gewesen war, wurde ich 2015 zum Ritter dieses Ordens geschlagen. Das war eine große Ehre für mich und ein bewegender Moment. Die Zeremonie fand in Santiago de Compostela im Hostal dos Reis Católicos statt. Die mittelalterliche Pilgerherberge ist ein prachtvoller Bau direkt neben der Kathedrale, heute ein Parador. Das Hostal gilt als das älteste Hotel der Welt. 

2021 ist Jacobeo, das „Heilige Compostelanische Jahr“. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein ganz besonderes Jahr für Santiago de Compostela und die Pilger. Die Tradition reicht ins 12. Jahrhundert zurück. Santiago de Compostela genießt ein einzigartiges Sonderrecht, das ihr von den Päpsten verliehen wurde.  Es besteht darin, dass in jenen Jahren, in denen der 25. Juli – der Jakobstag – auf einen Sonntag fällt, man in der Kathedrale von Santiago die Gnade des Jubiläumsablasses erlangen kann. Aufgrund dieses zeitlichen Zusammenfallens finden die Heiligen Jahre in scheinbar unregelmäßigen Abständen statt, getrennt durch Zeitspannen von sechs, fünf, sechs und elf Jahren. Die letzten Heiligen Jahre waren 2004 und 2010.  Nächstes Jahr ist es wieder soweit. Für Jakobspilger ein ganz besonderer Höhepunkt.

Wir alle hoffen, dass wir in absehbarer Zeit wieder ganz normal reisen können. Ohne Einschränkungen, ohne Angst. Wie bereitet Ihr Euch von Rutas Meigas darauf vor?

Derzeit bereiten wir unsere Programme für 2021 vor. Eine besondere Aktion planen wir bereits für November 2020. Unter dem Motto „Der Jakobsweg sagt Danke“ werden wir 400 Mitarbeiter aus dem spanischen Gesundheitssystem nach Galicien einladen. Ärzte und Pflegekräfte, die gegen Corona in der ersten Reihe kämpfen. Geplant ist, dass sie hier ein Wochenende verbringen und die letzte Etappe des Camino zurücklegen.

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