Land & Leute
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Wasserrechte. Wasserkrieg?

Brunnen

Wer in Portugal auf dem Land lebt, ob im „Nirgendwo“ im Alentejo oder in der Serra de Monchique, sogar unweit der Hauptstadt Lissabon im Dorf, lernt schnell: Mit dem Wasser ist das so eine Sache.

Ich war damals ziemlich erstaunt, als ich ins Haus in Azóia am Cabo da Roca einzog und merkte: Kanalisation gibt’s nicht wirklich, es gibt dafür eine Sickergrube. Und als Folge für jeden Besucher und jeden Übernachtungsgast (vor allem weiblichen!) den dringlich-dezenten Hinweis: „Bitte ausschließlich Toilettenpapier benutzen, und das sorgsam überlegt und nicht im Übermaß. Alles andere gehört keinesfalls ins Klo!“ Wenn das nämlich passiert, kommt es zu Engpässen und das möchte man weder riechen noch reinigen müssen…

Hier in Monchique ist das nicht anders, aber es kam für mich noch eine Besonderheit hinzu: Wir haben ein eigenes Bohrloch für wirklich gutes und naturreines Trinkwasser. Dazu haben wir eine eigene Quelle. Die speist unter anderem mein Schwimmbecken. Sie sorgt außerdem dafür, dass die Gartenbewässerungsanlage nicht vom Trinkwasserbrunnen versorgt wird, sondern von eben dieser Quelle im Wald. Zumindest dann, wenn wir „dran“ sind.

„Dran“ heißt, dass wir aus dieser Quelle drei Tage die Woche Wasser ziehen dürfen. An den anderen haben Nachbarn das Wasserrecht. Früher gab es sogar fünf „Wasserparteien“, und meine Vermieter erzählen aus der Anfangszeit vor etwa 30 Jahren, dass es da jeweils um Stunden ging und man sich gerne auch mal höchst aufgeregt und wüst schimpfend an der Quelle traf, wenn einer es gewagt hatte, zur Unzeit, wenn er also nicht „dran“ war, Wasser für seine Felder zu entnehmen. Die jetzige Regelung sieht vor, dass jeweils am Sonntag, Montag und Dienstag ich ans Wasser darf, die übrigen Wochentage nutzen zwei weitere Nachbarn die Quelle. Ein höchst komplexes Wasserhahn-Sperrsystem sorgt dafür, dass der Hebel mal auf und mal zu ist, dass mein großer Wassertank mal voll und mal leer ist.
Leer ist’s immer dann, wenn ich nicht „dran“ bin. Manchmal bleibt der Naturtank aber auch leer, weil sich nach einer stürmischen Herbstnacht so viele Blätter und Äste im Quellbecken verfangen haben, dass nichts mehr durchkommt. Oder weil sich die ortsansässigen Wildschweine an Sommerabenden nichts Erfrischenderes vorstellen können, als sich genüsslich im Becken zu suhlen; dabei – damit der Wasserstrahl ja genau auf die Wildsau trifft –wird alles so zertrampelt, dass ich am nächsten Morgen gerne Besuch bekomme. Nein, nicht von den Wildschweinen. Sondern von einem der beiden Nachbarn, die an der Quelle ebenfalls Wasserrecht haben.

Die portugiesische Wasserregel heißt: Man (bzw. Frau) muss Zutritt zur Quelle gewähren. Nun führt direkt an meinem Haus entlang ein Trampelpfad, den meine Hunde als ihr Eigentum betrachten. Deshalb sehen sie es gar nicht gerne, wenn da plötzlich ein Portugiese auftaucht, mit Hacke in der Hand, und sich, oft schon morgens um 6 Uhr vor dem eigentliche Broterwerb, in den Wald Richtung Quelle auf den Weg macht, um die Wildschweinerei in Ordnung zu bringen. Mein alerta natural (= Hundegebell) wird also angestellt, Frauchen schreckt im Bett hoch und merkt dann: „Achso, ist nur der Nachbar…!“, dreht sich um und schläft noch eine Runde.

Aber am vergangenen Sonntag war alles anders. Als ich die Bewässerung anstellte, kam kein Wasser. Der Blick in den Tank ergab: Kann nicht, weil nichts drin. Der Anruf beim Hausherrn hatte zur Folge, dass der örtliche Wasserkundige eintraf. Zé Branco, ein gut 70jähriger und bei allen hoch geschätzter Portugiese meinte lapidar: „Wahrscheinlich hat der Nachbar gestern Abend vergessen, das Wasser wieder umzuleiten.“ Ein kleiner Dreh am richtigen Hahn auf dem Niemandsland zwischen allen Grundstücken – und siehe da: Das Wasser lief wieder in meinen Tank.
Am selben Abend dann hatte ich Besuch: der „schuldige“ Nachbar, der höchst offiziell bei mir vorsprach. Er wollte sich entschuldigen; es käme auch nie mehr vor, dass er sich widerrechtlich am Wasser vergreifen würde. Kein Wasserkrieg. Sondern als Versöhnungsgabe ein Fläschchen selbstgebrannten Medronho: Ob denn Dona Cristina freundlicherweise Verzeihung gewähren würde? Dona Cristina wollte. Hätte sie auch ohne Medronho. Aber so ist es natürlich besser.

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von

Christina Zacker

Christina Zacker ist deutsche Journalistin und Buchautorin und lebt seit vielen Jahren in Portugal, im Hinterland der Algarve. Amüsant und zugleich informativ berichtet sie regelmäßig über ihre Beobachtungen und Erlebnisse im portugiesischen Alltag.

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