Land & Leute
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Was zischeln die Portugiesen eigentlich immer so?

Handbuch für den Portugal Urlaub - Buchcover

Portugiesen sind ganz schon ruppig, finden Sie. Keiner sagt „Entschuldigung“, wenn er sich in der Metro an Ihnen vorbeidrängt oder auf dem Bauernmarkt durchs Gewühl schiebt. Nur so ein merkwürdiges Zischeln hören Sie immer wieder.

Das ist ja wohl wirklich kein gutes Benehmen! Dieses Zischeln hören Sie auch, wenn sich ein Portugiese am Telefon verabschiedet. „Kennen die hier kein ‚Auf Wiederhören‘?“ denken Sie sich dann vielleicht. Irgendwann finden Sie heraus: Das Gezischel ist nichts anderes als das typisch portugiesische Nuscheln, also die allgemein übliche Silbenschluckerei. Wer genau hinhört, versteht man’s sogar: com licença (genuschelt: komlissensssa). Sie schlagen in Ihrem Wörterbuch nach. Aha – „mit Erlaubnis“ heißt das. Aber was soll das nur bedeuten?!

Man kann com licença vielleicht besser mit unserem Deutschen „Gestatten Sie…?“ übersetzen. Bei uns ist das eine eher altmodische Formel – in Portugal aber eine Selbstverständlichkeit, und zwar immer dann, wenn man einem anderen etwas „Unbequemes“ zumutet. Sei es im Gedränge, wenn man im Supermarkt an jemandem vorbei möchte, wenn man sich ins Private zurückziehen möchte. Man legt bekanntlich großen Wert auf gute Umgangsformen, und deshalb wäre das portugiesische Alltagsleben ohne com licença schlicht und ergreifend undenkbar. Man hört es ständig, und man hört diese „Bitte um Erlaubnis“ eben auch in Situationen, in denen wir das ganz und gar nicht nachvollziehen können:
Schließt ein Portugiese seine Haustüre und ein bereits verabschiedeter Gast ist noch in Sichtweite, sagt man com licença. Viele residentes – also Ausländer, die hier im Lande wohnen – machen das anders: Da wird die Wohnungstür sofort zugemacht. Portugiesen empfinden das praktisch wie einen Rausschmiss. Es wäre also eine grobe Unhöflichkeit, einem anderen einfach die Türe vor der Nase zuzumachen.

Beim Telefonieren ist das ähnlich: Man legt den Hörer nicht auf, ohne dem anderen die Chance einzuräumen, noch etwas zu sagen – und damit das Gespräch fortzuführen. Mit dem com licença bittet man im Grunde um die Erlaubnis, das Gespräch zu beenden und sich ins Private zurückzuziehen. Der Gipfel meiner Erfahrung war das com licença, das ein Bankangestellter murmelte, als er einen Zettel zerriss, auf dem ich etwas für ihn notiert hatte. Klarer Fall, oder? Schließlich hatte er etwas zerrissen, das jemand anderem gehört, und man zerstört fremdes Eigentum nicht einfach so…


 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus meinem neuen Buch „Korkesel und Sardinenblüte: Das Handbuch für den Urlaub in Portugal“. Empfehlenswert für all diejenigen, die sich im Portugalurlaub nicht nur für die herrlichen Strände und die Attraktionen in den Touristenzentren interessieren, sondern die Land und Leute kennen lernen und vor allem verstehen wollen. Sie wollen noch mehr über Portugal und die Eigenheiten der Portugiesen erfahren? Dann lesen Sie weiter! Hier geht’s zur Printausgabe, und hier zum eBook.

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Kategorie: Land & Leute

von

Christina Zacker

Christina Zacker ist deutsche Journalistin und Buchautorin und lebt seit vielen Jahren in Portugal, im Hinterland der Algarve. Amüsant und zugleich informativ berichtet sie regelmäßig über ihre Beobachtungen und Erlebnisse im portugiesischen Alltag.

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