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Algarve-Aufforstungsprojekt „Montanha Verde“ – ein Interview

Elio Vicente Montanha Verde

Der Meeresbiologe Élio Vicente hat an der Universität Faro studiert. Seit 1991 arbeitet er im Freizeitpark „Zoomarine“ in Guia bei Albufeira an der Algarve. 2016 rief er die „Operação Montanha Verde“ ins Leben, ein ambitioniertes Algarve-Aufforstungsprojekt, das von OLIMAR unterstützt wird.


Warum und wie entstand das Projekt „Operação Montanha Verde“?

Élio Vicente: Im Sommer 2016 wüteten hier an der Algarve schwere Waldbrände. Schwer betroffen war auch die Serra de Monchique, das höchste und am dichtesten bewaldete Gebiet im Süden Portugals. Als Meeresbiologe und langjähriger Mitarbeiter bei Zoomarine hatte ich bis dahin vor allem mit dem Schutz der maritimen Flora und Fauna zu tun. Bei einem Besuch der Serra de Monchique erfasste mich beim Anblick der verkohlten Baumskelette der Horror. Mir wurde schlagartig klar, dass ich als Biologe auch eine Verantwortung für die erdgebundenen Ökosysteme habe. Ähnlich erging es auch vielen meiner Kollegen und Kolleginnen bei Zoomarine. Gemeinsam riefen wir eine Aufforstungsinitiative ins Leben. Direkt damit in der Serra de Monchique anzufangen war noch nicht möglich, da sich das Gelände erst einmal erholen musste. Also wählten wir ein Gebiet im Landkreis Loulé aus. Am 8. November 2016 war es soweit: Zusammen mit 200 Freiwilligen pflanzten wir in den Hügeln von Loulé 5.000 Setzlinge. Fast gleichzeitig entstand die Idee, die Anzahl der Bäume jedes Jahr zu verdoppeln und die Aufforstung auf andere Landkreise der Algarve auszudehnen.

Baum-Beflanzung Algarve
Baum-Setzling Algarve

Was Euch auch gelang. 2017 wurden Dank der „Operação Montanha Verde“ 10.000 Bäume gepflanzt, 2018 waren es 21.000, 2019 bereits 42.000 Bäume. Wie wurde das finanziert?

E. V.: In den ersten 4 Jahren stammten die finanziellen Mittel zu 100% von Zoomarine. Setzlinge kosten Geld, auch Material wie z.B. Handschuhe und Schaufeln müssen wir kaufen. Die Arbeit der Einpflanzung wird von Freiwilligen erledigt. Unterstützt werden wir auch von den Landkreisen und Gemeinden. Sie stehen uns nicht finanziell, aber logistisch und beratend zur Seite, zum Beispiel bei der Auswahl des Geländes und der botanischen Arten. Anfang 2020 konnten wir mit OLIMAR zum ersten Mal einen Partner gewinnen, der uns auch finanziell unterstützt. OLIMAR wird uns Mittel für die beiden Aufforstungstage am 9. und 10. November zur Verfügung stellen. Das ist großartig, denn unser Ziel für 2020 ist es, 84.000 Bäume zu pflanzen. Langfristig geht es uns darum, durch die aufgeforsteten Flächen ökologische Korridore zu schaffen, und damit Schutz bedrohter Tierarten zu leisten.

Die Mittel, die OLIMAR „Montanha Verde“ zur Verfügung stellt, stammen aus dem Verkauf von Reisen. Jeder, der mit OLIMAR eine Rund- oder Erlebnisreise durch Portugal, Spanien, Kroatien oder Italien unternimmt, unterstützt das Projekt mit 5 €. Wegen der Corona-Krise werden 2020 jedoch deutlich weniger Reisen verkauft und „Montanha Verde“ wird weniger Geld zur Verfügung haben als geplant.

E. V.: Das stimmt. Wobei ich aber hoffe, dass nach den ausgesetzten Reisen im Frühjahr wieder viele Menschen mit OLIMAR im Sommer und Herbst verreisen. In dieser Hinsicht bin ich optimistisch, Portugal managt die Corona-Krise gut und wird bald wieder ein beliebtes Reiseziel sein, da bin ich mir sicher. „Montanha Verde“ wird auf alle Fälle umgesetzt. Das finanzielle Engagement von OLIMAR ist sehr wichtig. Genauso wichtig sind aber auch die moralische Unterstützung sowie die Kommunikation. Dank OLIMAR erfahren viele Menschen in anderen europäischen Ländern von unserem Projekt, in Deutschland, in der Schweiz, in Österreich. Und wer dieses Jahr mit OLIMAR nicht verreist, wird das bestimmt 2021 nachholen.

Wann und wo wird in diesem Jahr aufgeforstet? Wie genau läuft das ab? Wer nimmt teil?

E. V.: Vorgesehen sind der 8. und 9. November, ein Sonntag und Montag. Unser Ziel ist, wie gesagt, insgesamt 84.000 Bäume zu pflanzen. Verteilt auf 16 Landkreise und Gemeinden. Wir rechnen mit dem Einsatz von über 4.000 Freiwilligen. Für Sonntag schreiben sich vor allem Privatpersonen ein, viele Familien. Am Montag sind es vor allem organisierte Gruppen, zum Beispiel Schulklassen mit Kindern ab 8 Jahren. Übrigens sind auch Ausländer unter den Freiwilligen: Vor allem Residenten, die hier an der Algarve ein zweites Zuhause gefunden haben. Aber auch Touristen, ich spreche lieber von Gästen. Zum Beispiel ein Ehepaar aus Belgien, das jedes Jahr im November an die Algarve kommt, um bei der Aufforstung tatkräftig dabei zu sein. Als sie zum ersten Mal dabei waren, hatten unsere belgischen Freunde erfahren, wie schön es hier an der Algarve im November ist. Ruhiger, ursprünglicher und grüner als im Sommer, aber trotzdem angenehm warm und sonnig. Denn die Zeit rund um den Martins-Tag ist hier in Portugal als Verao de Sao Martinho bekannt, als Martins-Sommer.

Die meisten Menschen bringen Algarve mit Sonne und Strand in Verbindung. Welche anderen Naturschönheiten bietet die Region sonst noch?

E. V.: Die tollen Strände, das saubere, klare Wasser, die berühmten Felsformationen und Grotten von Lagos und Carvoeiro, das milde Klima, all das ist natürlich unser wichtigstes Kapital, was den Tourismus betrifft. An der Ostalgarve zwischen Faro und Tavira haben wir den Naturpark Ria Formosa, ein weitverzweigtes Marschland mit Salinen, Kanälen, Inseln und Halbinseln. Es handelt sich um ein wichtiges Ökosystem für migrierende Vogelarten, zum Beispiel Flamingos. Im Hinterland haben wir eine hügelige Landschaft mit Zitrus- und Feigenbäumen, Weinbergen und Mandelbäumen, die im Januar und Februar in voller Blüte stehen. Je weiter landeinwärts man an der Algarve reist, desto einsamer und bewaldeter wird es. Vor allem um den Schutz dieser oft schwer zugänglichen Gebiete geht es uns mit der „Operação Montanha Verde“. Unser Ziel ist die Stärkung der ökologischen Vielfalt. Deshalb wählen wir vor allem endemische Arten von Bäumen und Sträuchern aus, die nicht künstlich bewässert werden müssen, eine hohe Resistenz gegen Feuer haben und sich nach einem Brand schneller regenerieren können. Zu diesen Arten gehören zum Beispiel Stein- und Korkeichen, Kastanien, Zypressen, Erdbeerbäume…

Erdbeerbäume? Seit wann wachsen Erdbeeren an Bäumen?

E. V.: Haha, bei uns in Portugal wachsen die auch auf dem Boden. Erdbeerbaum ist der deutsche Name für Medronheiro, Arbutus unedo. Es handelt sich um ein typisch mediterranes Strauchgewächs, das auch zu einem stattlichen Baum auswachsen kann. Der Erdbeerbaum kommt im gesamten Mittelmeerraum vor und ist typisch für das Inland der Algarve. Er ist resistent gegen Luftverschmutzung und übersteht auch Waldbrände besser als zum Beispiel Kiefern. Der Medronheiros blüht im Winter und bringt kleine, rote Früchte hervor, die wie Erdbeeren aussehen. Hier an der Algarve machen wir daraus eine leckere Konfitüre sowie den berühmten, sehr hochprozentigen Medronho-Schnaps.

Du arbeitest seit über 20 Jahren bei Zoomarine, einem Freizeitpark, in dem Meeressäuger wie Delfine und Seelöwen zur Schau gestellt werden. Einrichtungen wie Zoomarine geraten zunehmend in den Fokus von Tierschützern. Es gibt viele Menschen, die gegen Tiershows sind. Als Meeresbiologe und engagierter Umweltschützer, wie reagierst Du auf diese Kritik?

E. V.: Die Präsentationen mit Delfinen und Seelöwen, bei denen die Tiere mit ihren Pflegern spielerisch interagieren, sind nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Die Tierhaltung und das Training unterliegen international bewährten Standards und Protokollen zur Sicherung des Tierwohls. Bei uns werden Tiere nicht gequält, sondern gehütet und gepflegt. Seit 2002 ist Zoomarine ein Schutzhafen für bedrohte Tiere, die an Portugals Küsten aber auch im Ausland gestrandet sind und aus eigener Kraft in ihrem natürlichen Lebensraum nicht überlebt hätten. Wir nehmen verletzte Seelöwen, Delfine und Meeresschildkröten sowie verschiedene Vogelarten auf, versorgen sie mit Lebensmitteln und Medikamenten und setzen sie nach Genesung wieder aus. Um das Wohl der Tiere kümmert sich ein professionelles Team aus Biologen und Veterinärmedizinern.

All das ist nur möglich, weil uns Jahr für Jahr Tausende von Menschen besuchen. Dank der Einnahmen durch den Besucherverkehr, dazu gehört auch der Verkauf von Souvenirs, finanzieren wir diverse Umweltschutzprogramme, neben der „Operação Montanha Verde“ auch die jährlich stattfindende Aktion „Praia Limpa“, ein Beitrag zur Säuberung unserer Strände von Plastikmüll. All diese Aktionen sind Bestandteile des übergeordneten Projekts „Together we protect“. Wir unterstützen aktiv die Umwelterziehung an Schulen sowie die Forschungsarbeit an Universitäten und wissenschaftlichen Instituten. Durch den Verkauf von Merchandising-Produkten unterstützen wir den „World Parrot Trust“. Diese Organisation engagiert sich weltweit für den Schutz von Papageien, eine der am stärksten bedrohten Vogelfamilien der Welt.

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