Zum 100. Todestag von Antoni Gaudí (1852-1926) würdigt das Land den visionären Architekten aus Katalonien, der Kurven, organische Formen und bunte Bruchkeramik in der Baukunst einsetzte wie niemand zuvor. Im Fokus steht die Fertigstellung der Sagrada Familia, deren höchster Turm am 10. Juni vom Papst eingeweiht wird.
Eine Bibel aus Stein – die weltberühmte Sagrada Familia
Barcelona ohne die Sagrada Familia, das wäre wie Paris ohne Eiffelturm. Fast fünf Millionen Menschen aus aller Welt besuchten im letzten Jahr die Basilika. Nach über 140 Jahren Bautätigkeit soll in diesem Jahr ihre Grundstruktur fertiggestellt werden (die Ergänzungs- und Ausschmückungsarbeiten werden sich bis ins nächste Jahrzehnt hineinziehen).
Wegen ihrer ungewöhnlichen, von der Natur inspirierten Formen und der herausfordernden Statik ist sie ein Meilenstein in der Architektur-Geschichte. Ursprünglich als neugotische Kirche geplant, wendete Gaudí ab 1883 eine neue Formensprache an. Asymmetrisch und geschwungen sind sowohl das Äußere mit der überbordenden Geburtsfassade und den insgesamt 18 Türmen als auch das Innere mit 36 baumartigen Säulen aus Granit, Basalt und Porphyr, die sich nach oben verzweigen und die bis zu 75 Meter hohen Gewölbe tragen. Durch 130 Buntglasfenster dringt natürliches Licht, das ein überirdisch anmutendes Farbspiel erzeugt – so, als schreite man durch einen mystischen Wald.



Jedes Bau- und Dekorationselement symbolisiert die biblische Geschichte, denn Gaudís Vision war es, eine Bibel aus Stein zu erschaffen. Der zentrale Turm ist Jesus Christus gewidmet. Der Torre de Jesús wurde im Februar fertiggestellt, misst 172,5 Meter und ist damit der höchste Kirchturm der Welt. Am 100. Todestag von Gaudí wird Papst Leo XIV. den Turm einweihen. Damit würdigt der Pontifex nicht nur die Fertigstellung des spektakulären Bauwerks, sondern auch Gaudí selbst, der sich die letzten zwölf Jahre seines Lebens ausschließlich der Sagrada Familia gewidmet hatte.
Der unverheiratete Katholik soll wie ein Mönch gelebt haben – viele sagen, wie ein Heiliger. Seit dem Jahr 2000 läuft ein von Rom eingeleitetes Verfahren zur Seligsprechung. Anlässlich des Gaudí-Jahres hoffen viele Katholiken auf eine Seligsprechung durch den Papst.
Die sieben Wunder von Barcelona
Die zu Gaudís Lebzeiten weitgehend fertiggestellten Teile der Sagrada Familia (Geburtsfassade und Krypta) gehören zusammen mit sechs weiteren Gaudí-Bauten in und bei Barcelona zum Weltkulturerbe. Die UNESCO würdigt Gaudís „außergewöhnlichen kreativen Beitrag zur Entwicklung der Architektur und Bautechnik. Seine Werke repräsentieren einen eklektischen sowie einen sehr persönlichen Stil, der bei der Gestaltung von Gärten, Skulpturen und allen dekorativen Künsten freie Hand hatte“.
Gaudís Erstlingswerk Casa Vicens, 1883-85 für einen Börsenmakler als Sommerresidenz erbaut, gilt als der Startschuss für den katalanischen Modernismus, eine Spielart des Jugendstils. Das Gebäude kombiniert maurische Einflüsse mit gotischen Elementen. Auffällig sind die geometrischen Formen, die Verwendung von dunkelrotem Backstein und Keramikfliesen mit dem Motiv der gelben Studentenblumen.
Nahe der Ramblas ist der Palau Güell (1886-90) ein weiteres Beispiel für Gaudís frühe Architektur mit einer beeindruckenden Dachlandschaft aus bunten Schornsteinen. Für seinen Mäzen Eusebi Güell errichtete er in den Jahren darauf die Krypta der Colònia Güell in Santa Coloma de Cervelló (ca. 15 km außerhalb von Barcelona) sowie den Park Güell. Ursprünglich als Gartenstadt geplant, ist der 1900–1914 erbaute Park ein weiteres Wahrzeichen Barcelonas. Im Park Güell verschmelzen Natur und Architektur durch geschwungene Formen und bunte Mosaike aus Bruchkeramik – eine Technik, die heute weltweit angewandt wird.
Zu den größten Publikumsmagneten zählen auch die Casa Batlló am Passeig de Gràcia mit ihren skelettartigen Balkonen und der schuppigen Dachform sowie die Casa Milà mit ihren auffälligen Schornsteinen, die wie Ritterhelme aussehen. Wegen ihrer wellenförmigen Steinfassade hat die Casa Milà den Beinamen „La Pedrera“ („Steinbruch“). In allen Gebäuden finden anlässlich des Gaudí-Jahres besondere Ausstellungen, Führungen, Workshops und Konzerte statt.





Die Wiege des Genies
Antoni Gaudí wurde 1852 in Reus geboren und lebte dort 16 Jahre. In der Stadt 100 km südlich von Barcelona kann man zwar keine Bauten von ihm bewundern, doch ein Besuch ist der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis. Auf der Gaudí-Route folgt man den biografischen Stationen wie Geburtshaus, Taufkirche und Gymnasium. Der Höhepunkt ist das Gaudí Centre: Das interaktive Museum mit audiovisuellen Installationen und haptischen Modellen erlaubt es, Gaudís Vorstellungen und Ideen sinnlich zu erfahren.
Das 2007 eröffnete Gebäude ist von außen betrachtet ein minimalistischer Kubus mit blinder Glasfassade – also das genaue Gegenteil von Gaudís Philosophie. Im Inneren dagegen taucht man in eine Welt aus Licht, Kurven und Modellen zum Anfassen ein. Zu den Sternstunden des diesjährigen Gedenkjahres gehören Videoprojektionen auf der Fassade, die Einweihung einer neuen immersiven Erlebniswelt und die „Gaudí Nit“ am 12. August, eine Nachtveranstaltung unter freiem Himmel zur totalen Sonnenfinsternis.

Verrückte Architektur, nicht nur in Katalonien
Nach seinem Umzug nach Barcelona studierte Gaudí von 1873 bis 1878 Architektur. Der Direktor der Technischen Hochschule kommentierte seinen Abschluss: „Ich weiß nicht, ob wir den Titel einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben.“ Zu den ersten „Verrücktheiten“ des jungen Architekten gehört El Capricho im nordspanischen Küstenort Comillas westlich von Santander.
Die Sommerresidenz wurde zwischen 1883 und 1885 für einen wohlhabenden Musikliebhaber errichtet und enthält bereits in ihrem Namen den thematischen Bezug zur Musik. Ähnlich wie in der zeitgleich entstandenen Casa Vicens, spielte Gaudí hier mit gotischen und orientalischen Einflüssen und schuf ein Gebäude, das eine optimistisch- lebensfrohe Ausstrahlung hat. Zu den extravaganten Elementen gehören ein minarettartiger Turm und Fenster, die beim Öffnen Töne erzeugen. Seit 2010 ist El Capricho („Die Laune“) ein Museum, das im Gedenkjahr mit exklusiven Nachtführungen, Konzerten und Sonderausstellungen lockt.



Knapp drei Stunden südwestlich von Comillas in der zentralspanischen Region Kastilien-León gibt es zwei weitere Bauwerke von Gaudí zu bestaunen. Die Casa Botines in León wurde 1891–1892 als Textillager und Wohnhaus für die Kaufleute Fernández und Andrés erbaut. Das Bauwerk im neugotischen Stil erinnert an eine mittelalterliche Festung und kombiniert traditionelle Formen mit damals innovativen Elementen wie gusseisernen Säulen. Das „Museo Casa Botines Gaudí“ präsentiert sich im Gedenkjahr im neuen Gewand und bietet neben einer Sonderausstellung auch Konzerte und Lesungen.





Unweit von León im Städtchen Astorga, einer wichtigen Etappe des französischen Jakobsweges, kann man ein weiteres Frühwerk von Gaudí besuchen, den Palacio Episcopal. Der Bischofspalast entstand ab 1889 nach einem Brand des Vorgängerbaus und wurde von Bischof Grau, einem Freund Gaudís, in Auftrag gegeben. Ebenfalls von der Gotik inspiriert, wirkt das Gebäude mit seinem weißen Granit und den markanten Türmen wie ein Märchenschloss. Heute beherbergt es das „Museo de los Caminos“, das den Jakobswegen gewidmet ist. Für das Año Gaudí 2026 wurde die Sonderausstellung „Gaudí: Licht und Stein“ kuratiert, die durch exklusive Abendführungen und Konzerte im Palastgarten ergänzt wird.


Zu gewagt für Mallorca?
Dass Gaudí in seiner Zeit nicht unumstritten war, erfährt man in der Kathedrale von Palma. 1901 besuchte der Bischof von Mallorca Gaudí auf der Baustelle der Sagrada Familia und lud ihn ein, den Innenraum der gotischen Kathedrale umzugestalten. Die Intervention nach Plänen Gaudís zog sich über ein Jahrzehnt hin und führte zur Entfernung des Chorblocks im Mittelschiff, wodurch die heutige freie Sichtachse vom Eingang bis zum Altar entstand. Über dem Hochaltar schuf er einen siebeneckigen Baldachin, der die die Dornenkrone symbolisiert und fast schwerelos zu schweben scheint. Zusätzlich ließ er zugemauerte Fenster öffnen und die Wände mit farbenfrohen Keramiken, Glasfenstern und Wandmalereien schmücken.
Doch die Arbeiten wurden 1914 abrupt abgebrochen – die lokalen Kirchenbehörden hielten Gaudís modernen Stil für zu gewagt. 2026 präsentiert die Kathedrale von Palma eine Ausstellung mit Originalskizzen, Führungen rund um das Thema „Licht und Stein“ sowie musikalische Darbietungen, bei denen man die von Gaudí konzipierte Akustik erlebt.






