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Keine Zeit für Nostalgie

Verdammt lang her: Lissabon war noch ein Geheimtipp, Porto nur etwas für Weinliebhaber und in Sagres gab es keine „letzte Bratwurst vor Amerika“. Die guten alten Zeiten? Nein, sagen meine Freunde in Portugal, und heilen mich auf einer Reise im Spätsommer 2020 von der Saudade, der portugiesischen Wehmut, mit der sie mich vor drei Jahrzehnten angesteckt hatten.  

Die Reise beginnt im Norden, wo ich vor 35 Jahren mit dem Zug vom spanischen Galicien kommend in Valença do Minho ankam und zum ersten Mal portugiesischen Boden betrat. Nach einer umständlichen Pass- und Zollkontrolle auf dem Bahnsteig ging es weiter nach Viana do Castelo, wo ich José Tomás kennenlernte. Er und seine Studentenclique campten wild am Strand, was kein Problem war. Bei der zweiten Flasche „Super Bock“ sagte er, ich solle ihn „Zé“ nennen.

Porto: Harry Potter kann warten

Im September 2020 sehe ich Zé zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder. Der 52-jährige Architekt zeigt mir, warum Portugals zweitgrößte Stadt ein Hotspot der zeitgenössischen Baukunst ist. Sein Diplom machte Zé Anfang der 1990er Jahre an der Uni Porto, wo Álvaro Siza de Viera eine Professur hatte. Der 87-Jährige ist einer der wichtigsten Gegenwartsarchitekten Europas. Siza de Vieras Museum für Zeitgenössische Kunst Serralves war ein Meilenstein auf dem Weg Portos zur Europäischen Kulturhauptstadt 2001. Rund 3 km davon entfernt erwartet mich Zé an der Casa da Música, die im Eventjahr eingeweiht wurde. Das Konzerthaus des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhas steht wie ein riesiger Meteorit zwischen zweistöckigen Häusern aus dem 19. Jahrhundert. Zé findet diesen Kontrast inspirierend. „Die Innenräume sind mit Aluminium und blau-weißen Azulejos verkleidet, Materialien, die in Porto eine lange Tradition haben“, erklärt er, bevor wir zum 500 Meter entfernt liegenden Mercado do Bom Sucesso gehen. Den halbrunden Stahlbetonbau von 1949 hatte ich vor 30 Jahren als Markthalle mit starken Gerüchen und Geräuschen erlebt. Jetzt ist der Mercado ein gepflegtes Büro- und Geschäftszentrum mit Hotel und „Food Court“. Dort trinken wir ein „Fino“, wie man in Porto ein kleines Fassbier nennt. Zé bewundert die langen, gewölbten Stützbogen und Wände mit großen Fenstern: „Ein Fest des Lichts“, schwärmt er.  

Der städtebauliche Aufbruch um 2001 bescherte auch Zé seinen ersten großen Auftrag: die Sanierung eines alten Wohnhauses unterhalb der Kathedrale, das wir uns auf dem Weg ins Ribeira-Viertel anschauen. Zés Meisterstück bietet von den oberen Stockwerken aus einen tollen Blick auf den Douro und die eiserne Brücke Ponte Dom Luís I., die zu den klassischen Ikonen Portos zählt. Auf der unteren Plattform der Doppelbogenbrücke gehen wir rüber zu den Portweinkellereien. Hier treffe ich auf einen alten Bekannten, den Don von „Sandeman“, eine geheimnisvolle Figur im schwarzen Umhang mit Hut. Während wir auf der autofreien Flusspromenade an Dutzenden von Cafés, Restaurants und Ausflugsschiffen vorbei laufen, errinnere ich mich an das Verkehrschaos und die Hupkonzerte vor 30 Jahren.

Portweinkellerei Sandeman

Nach dem Mittagessen fahren wir raus nach Matosinhos. Als ich das letzte Mal dort war, ratterten alte Straßenbahnen durch den Hafen- und Industrievorort. Es roch nach Schiffsdiesel und Fischfabriken. Heute schnuppere ich saubere Atlantikluft, Zé führt mich am Strand entlang zum Porto Cruise Terminal. Der hell leuchtende Bau liegt wie eine zusammengerollte Schlange auf dem Dock. „Ein Oktopus“, meint Zé: „Die Tentakel sind die Wege, die vom Landesteg ins Gebäude führen“. Das 2015 eröffnete Kreuzfahrtterminal ist das Werk von Luís Pedro Silva. 2017 wurde es von „ArchDaily“, der größten digitalen Community für Design und Architektur, zum „Building of the Year“ gekürt.

Porto Cruise Terminal © Associação Turismo do Porto e Norte

Zurück im Zentrum, trinken wir ein Abschieds-Fino. Zés alte Stammkneipe, damals eine verräucherte Studentenhöhle, ist jetzt ein wohlriechendes Franchise-Lokal für Cupcakes & Coffee. Auf der Terrasse betrachten wir die Besucherschlange vor der Buchhandlung Livraria Lello. Vor 30 Jahren, als Zé hier seine Fachliteratur kaufte, zeigte er mir das neogotische Interieur mit der hölzernen Schneckentreppe. Dann kamen die Nullerjahre und Harry Potter machte die Livraria Lello zu einer der berühmtesten Buchhandlungen der Welt, für die man jetzt Eintritt verlangt. Ich seufze, Zé sieht es gelassen. Bücher bestellt er im Internet. Ohne die Touristen gäbe es die über 100 Jahre alte Buchhandlung vielleicht gar nicht mehr, gibt er zu bedenken, bevor wir uns verabschieden.

Livraria Lello © Associação Turismo do Porto e Norte

Zum 2. Teil der Story – Lissabon: Hipster in der Pinkstreet

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