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4 Tage auf den Spuren des Odysseus – im Latium zwischen Circeo und Gaeta

„Und wir kamen zur Insel Aiaia. Diese bewohnte
Kirke, die schöngelockte, die hehre melodische Göttin“

So beschreibt Odysseus den ersten Kontakt mit der Zauberin Circe, die auf der Insel Aiaia auf die Seefahrer wartete, um sie mit ihrem Gesang zu verzaubern und sie bei sich festzuhalten. Das mythische Aiaia ist der nördlichste Vorposten der Odysseus Riviera und heißt heute Halbinsel des Circeo.

Meine Schwester und ich sind zwar keine jungen griechischen Seefahrer. Aber die Idee, ein bisschen auf den Spuren des Odysseus zu wandeln fanden wir vielversprechend. Und so haben wir Ende Juli beschlossen, diesen circa 90 km langen Küstenabschnitt im Latium zu bereisen, mit Hauptquartier in Sperlonga. Die Aufgabenteilung ist von vorneherein klar: Ich schwätze, sie fotografiert. Und so machen wir uns auf den Weg.

Die Odysseus Riviera

Vorausgesagt sei, dass es ein wahrhaft heldenhaftes Unternehmen ist, wenn man in Covid-Zeiten zur Hauptreisezeit der Italiener an eine ihrer Küsten fährt. Die Einheimischen haben ihr Land dieses Jahr regelrecht erobert. Trotz der vergangenen schwierigen Monate und dem allgegenwärtigen Respekt für die Vorsichtsmaßnahmen haben sie ihre sprichwörtliche Lebensfreude nicht verloren. Was uns ungemein beruhigt. Die schönen Sandstrände um Sperlonga herum sind proppenvoll. Aber wir suchen ja nach den Spuren des Odysseus, so dass das Baden zweitrangig wird.

Wir entdecken die Odysseus Riviera von Süden aus, von Neapel kommend, und „betreten“ sie mit dem Mietwagen kurz nach Minturno. Die Monti Aurunci, diese kargen, manchmal etwas unheimlichen Apennin Ausläufer, die sich gleich hinter der Küste erheben und seit 1997 zum Naturpark erklärt wurden, begrüßen den Besucher schon von weitem. Nach Formia und Gaeta empfängt uns Sperlonga die ehemals römische „speluncae“ – mit einem flammenden Sonnenuntergang.

Die geheimnisvolle Halbinsel

Am nächsten Morgen lernen wir, mit Odysseus‘ Augen zu sehen: Die Circeo Halbinsel sieht von weitem tatsächlich wie eine Insel aus. Und präsentiert sich geheimnisvoll im Morgendunst, so dass man mit etwas Vorstellungskraft sehr gut eine Zauberin darauf ansiedeln kann.

Sperlonga – die Perle der Riviera

Wir können uns aber losreißen und versuchen, noch vor der gar nicht zauberhaften Hitze Sperlonga zu entdecken. Heute als die Perle der Riviera bekannt, ist das ehemalige kleine Fischerdorf auf Hochglanz geputzt. In den verwinkelten Treppen und Durchgängen befinden sich schicke Boutiquen und Restaurants. Die Mauern sind hübsch mit bunter Keramik dekoriert, in den Abendstunden hat ein Beleuchtungsarchitekt das Ganze wirkungsvoll in Szene gesetzt. Einschließlich Torre Truglia, dem markanten Wehrturm und Wahrzeichen der Stadt.

Wie schon in Matera, europäische Kulturhauptstadt 2019, sind die ehemals unwirklichen und entbehrungsreichen Lebensräume der Einwohner zu einem zweifellos beeindruckenden ästhetischen Erlebnis gemacht worden. Fragt sich nur, ob sich noch jemand der heutigen Besucher an die Geschichte des Ortes erinnert: an die extreme Armut, die hier noch bis in die späten 50er Jahre herrschte, bis der Ort endlich an die Küstenstraße Via Flacca angeschlossen wurde. An den mutigen Aufstand der einheimischen Bevölkerung, als die Regierung die spektakulären Funde der Ausgrabungen der Tiberiusvilla nach Rom bringen und ihnen so die Gelegenheit zum dringend nötigen wirtschaftlichen Fortschritt nehmen wollte.

Die Grotte von Sperlonga

Das archäologische Museum und die Grotte südlich von Sperlonga sind ein empfehlenswertes Erlebnis für die ganze Familie. Wer keinen Shuttle-Bus von seiner Unterkunft aus hat, kann sie gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad über den „Sentiero di Ulisse“, den Odysseus Pfad erreichen. Sofort sind wir uns einig: Die alten Römer wussten wirklich immer, wo es am Schönsten ist. Die natürliche Grotte diente zwar hauptsächlich zur Fischzucht. Kaiser Tiberius stattete sie aber wirkungsvoll mit den Skulpturengruppen der Odysseus Sagen aus, die in seiner Jugend wieder in Mode gekommen waren. Und so machte er aus der Grotte eine großartige Location für seine Festgelage, wenn das Regieren in Rom zu anstrengend oder zu langweilig geworden war.

Die Überreste der Skulpturen und andere Funde kann man im kleinen Museum bestaunen. In der Grotte ist das Spiel von Licht und Dunkelheit zusammen mit den Spiegelungen der Wasserbecken sehr suggestiv und die Aussicht auf die Kirke Insel umwerfend. Man kann sich gut den Kaiser vorstellen, der sich, lässig hingestreckt inmitten seiner Gäste, in der kühlen Grotte von den besten Fischspezialitäten seiner Köche verwöhnen lässt.

„Ich allein blieb draußen mit meinem schwärzlichen Schiffe
An dem Ende der Bucht und band es mit Seilen am Felsen,
Kletterte dann auf den zackichten, weitumschauenden Gipfel.“

Terracina – Stilmix par excellence

Nur wenige Kilometer weiter nördlich von Sperlonga liegt Terracina unter dem kantigen Felshügel Pisco Montano. Die Putzwut der Stadtplaner ist nicht bis hierher vorgedrungen, das macht den Ort besonders interessant. Hier sollten laut der Odysseus Sage die schrecklichen Laistrygonen gewohnt haben, die, außer seinem eigenen Schiff, die gesamte griechische Flotte zerstörten.

„Aber glücklich enteilte mein Schiff von den hangenden Klippen
Über das Meer; die andern versanken dort all in den Abgrund.“

Beim Hindurchspazieren fühlen wir uns an eine Überraschungstorte erinnert. Von allem gibt es eine Schicht zu sehen: Mittelalterliche Gebäude werden durchdrungen von römischen Monumenten, die Ausgrabungen im Zentrum sind in vollem Gange. Im Dom San Cesareo wurden die römischen Säulen mit den charakteristischen Kapitellen verbaut, der kunstvolle Mosaikboden erinnert an Byzanz. Und über dem Originalpflaster der Via Appia winkt hier und da auch noch die faschistische Architektur. Die sich in ihrem Größenwahn berufen fühlte, römische Stilelemente zu übernehmen, um das römische Reich wieder auferstehen zu lassen.

In ihrer Ursprünglichkeit und mit dem Charme von etwas Vernachlässigung eine sehr faszinierende Mischung. Ein Erlebnis fern von jedem touristischem Pep und kommerzieller Verfremdung. Auf dem „weitumschauenden Gipfel“ Pisco Montano erreichen wir mit schlechtem Timing die römische Tempelanlage Giove Anxur genau in der größten Hitze und zu Beginn der Mittagspause. Aber wie schon Odysseus immer wieder aus misslichen Lagen errettet wurde, werden wir von Marco von der Stadtverwaltung gerettet, der eigentlich von der Planung eines Open Air Events zurückfahren wollte, uns aber mit unermesslicher Geduld unter der unerbittlichen Sonne durch die eigentlich geschlossene Tempelanlage führt und sogar noch Tipps für die besten Fotos gibt. Sprichwörtliche italienische Gastfreundschaft.

Vom großen Tempel aus hat man den Eindruck, Herr über Land und Meer zu sein. So weit schweift der Blick über die Küste mit dem glitzernden Meer, aus dem im Dunst die Umrisse der Pontinischen Inseln aufsteigen: Ponza, Palmarola und Ventotene. Von hier aus versuchte Odysseus zu erspähen, wie er am besten seine Heimreise planen sollte, bevor er und seine Begleiter endlich von Kirke freigelassen wurden:

„Jene sandte vom Ufer dem blaugeschnäbelten Schiffe
Günstigen segelschwellenden Wind zum guten Begleiter“

Weiter geht’s in die Monti Aurunci

Aber wie die griechischen Seefahrer sich immer weiter in neue Gebiete wagten, so müssen auch wir weiter auf unserer Entdeckungsreise. Nämlich nach Campo Soriano, direkt hinein in die Monti Aurunci, die mit den kahlen Hängen, aus denen spitzer Kalkstein hervorsticht, etwas unwirklich erscheinen. Wir fühlen uns ein bisschen an Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer erinnert, die mit mulmigem Gefühl auf das gestreifte Gebirge zufahren, bevor sie das „Tal der Dämmerung“ erreichen. Nachdem uns eine nette Frau beim Erklären der Straße etwas verwundert darauf aufmerksam macht, dass nach wenigen Kilometern aber die Behausungen aufhören, sind wir dann doch gespannt, was uns erwartet.

Tatsächlich verfahren wir uns und enden in einem Tal bei einem verlassenen Hof, vor dem unser Auto sofort von vier wütenden Hunden umringt wird. Jetzt bekommen wir es doch etwas mit der Angst zu tun. Aber nachdem wir die bellende Meute hinter uns gelassen haben, siegt die Neugierde. Mit etwas Herzklopfen kommen wir dann nach kurzer Zeit doch am Parkplatz dieses Naturschauspiels an. Es scheint so, als ob Obelix unterwegs war und Hinkelsteine verloren habe. Wie krüppelige Kerzen stehen spitze Kalksteinformationen inmitten der Landschaft aus Weinreben und duftenden Feigen- und anderen wilden Obstbäumen. Hier wächst sogar wilder Safran erster Qualität.

Es ist heiß, aber still und Schmetterlinge fliegen ungestört vor einem her.  Man kommt sich vor wie in einem Paradiesgarten. Mehrere Wanderwege starten von hier aus in die Berge. Ein Picknickplatz mit Tischen und Bänken zeigt, dass dieser anscheinend gottverlassene Platz auch von anderen Besuchern aufgesucht wird. Eine kurze Wanderung würde uns auch gefallen. Aber die sollte man besser im Frühjahr oder im Herbst planen, denn Schatten ist hier ein Fremdwort.      

Auf dem Rückweg fahren wir an den zahlreichen großen Gewächshäusern um Terracina herum vorbei, in denen hervorragende Tomaten, Melonen aller Art, Radieschen und vieles mehr angebaut wird. Aus den Weinreben um die Stadt herum wird der berühmte weiße Moscato di Terracina produziert. Außerdem gibt es Büffelmozzarella und sehr gutes Olivenöl. Odysseus hatte also außer der schönen Kirke noch einen guten Grund mehr, als er sich entschied in dieser Gegend zu bleiben, bevor es wieder nach Hause gehen sollte.

Next Stop: Itri

Am nächsten Tag ist Itri unser erstes Ziel. Die Landstraße „Strada Provinciale Itri Sperlonga“, die uns wieder in die Monti Aurunci bringt, hält umwerfende Ausblicke auf die Küste bereit. Aber auch auf die von Kalksteinen gesprenkelten Hänge und Täler. Das Volk der Aurunker, nach denen diese Berge benannt sind, besiedelte sie ab dem Jahr 1.000 v. Chr.. In zahlreichen römischen Texten werden sie als primitives, grausames und sehr kriegerisches Volk beschrieben, das den römischen Legionären vor allem wegen seiner mächtigen Statur Angst einflößte. Tatsächlich schafften es die Römer erst nach vielen Kriegen, sich die Aurunker untertan zu machen und ihren 5-Städtebund aufzulösen. Um die neuen Machtverhältnisse klar zu machen bauten sie Festungen und Wehrburgen auf der wichtigsten Straße, die nach Rom führte: Iter – der Weg. Der kleine Ort Itri mit seiner mächtigen Burg war eine wichtige Station auf der Via Appia.

Durch mehrere Stadttore hindurch steigen wir nur über Treppen durch enge Gassen hinauf, in denen das Leben stehengeblieben zu sein scheint. Die alten Bewohner sitzen in Gruppen vor den Häusern. Katzen liegen auf den Stufen und dösen vor sich hin. Gekrönt wird das bullige Bauwerk von drei unterschiedlichen Türmen aus verschiedenen Perioden. Im runden Turm hielt sich der Hausherr ein Krokodil, dem man ungeliebte Gefangene zum Fraß vorwerfen konnte.

Weiter geht’s nach Gaeta

Gaeta liegt vorgeschoben auf einer Landzunge am gleichnamigen Golf und schließt unseren Besuch an diesem wunderschönen und abenteuerlichen Küstenstreifen ab. Der erste Blick auf die Stadt am Monte Orlando wird leider von der wuchtigen Kaserne der Finanzpolizei „Guardia di Finanza“ beherrscht, aber wenn man an der Meerespromenade und der Kirche Santissima Annunziata entlang auf das Stadtzentrum zugeht eröffnen sich ständig neue Blickwinkel.

Unser größtes Problem ist hier, von welcher Seite der Stadt aus wir die Aussicht genießen sollen. Wenn man am Belvedere unter der Aragoneser Burg ankommt hat man die Qual der Wahl: Auf einer Seite schaut man nach Formia und auf die Berge der Aurunker. Von der anderen Seite aus sehen wir – Ischia! Und weiter hinten doch tatsächlich auch den Vesuv. Wir können es kaum glauben. Aber ein distinguierter älterer Herr, dem wir unsere Zweifel anvertrauen, bestätigt uns, dass es sich um den Vulkankegel des Vesuvs handelt.

Er erzählt uns auch, dass die historischen Stadtmauern Gaetas erst 1960 vom damaligen Bürgermeister gesprengt worden waren um einer neuen, modernen Meerespromenade Platz zu machen. Der Rückweg durch die mittelalterlichen Gassen zeigt dann den Spagat, den diese strategisch wichtige und durch die Jahrhunderte ständig umkämpfte Stadt zwischen historischem Gemäuer und moderner Stadtplanung machen musste. Wir nehmen Abschied bei Vollmond und im aprikosefarbenen Abendlicht am schönsten Sandstrand von Gaeta „Spiaggia di Serapo“.  

Fondi – der krönende Abschluss

Am letzten Tag machen wir noch einen Abstecher nach Fondi, von hier aus fahren die Züge nach Rom und Neapel. Wahrzeichen der Stadt, die zwischen dem gleichnamigen See und dem Meer liegt, ist die gut erhaltene Burg aus dem 13-15. Jahrhundert mitten im hübschen, gepflegten Stadtzentrum.

Im Inneren befindet sich das Stadtmuseum. Aber der Eintritt lohnt sich vor allem wegen der Aussichtsterrasse, die zum Abschied nochmal einen spektakulären Blick auf die Berge der Aurunker, den See und das Meer erlaubt. Ein letzter Cappuccino zusammen und die Feststellung, dass wir diese wundervolle Region auf jeden Fall wieder besuchen werden. Dann fährt meine Schwester nach Neapel und ich nach Norden zurück in die Toskana.     

Unsere Empfehlung

Wir empfehlen die Odysseus Riviera in der Nebensaison von Mai bis Mitte Juli und im September bis Mitte Oktober. Es eine Reise für die ganze Familie: Tempel, Burgen, geheimnisvolle Landschaften mit abwechslungsreichen Stränden verheißen Abenteuer für Jung und Alt. Die Strecken zwischen den einzelnen Etappen sind kurz und verlangen keine stundenlange Fahrzeit. Wer sich ein bisschen Mühe machen möchte, der bereitet den Nachwuchs mit einer farbig illustrierten Odysseus Ausgabe extra für Kinder darauf vor, zum Beispiel „Griechische Sagen für Kinder“ von Elke Leger, dieses Jahr erschienen im Anaconda Verlag, oder die Hörspiel CD „Die Abenteuer und Irrfahrten des Odysseus“ von Karlheinz Koinegg im Hörverlag. 

Die Zitate stammen aus dem Werk Homer: Odyssee
Edition Holzinger. Taschenbuch
Berliner Ausgabe, 2016, 4. Auflage
Übersetzung von Johann Heinrich Voß. und 11. Gesang

 

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Kategorie: Kunst & Kultur, Land & Leute

von

Viorica Schmidinger

Viorica ist seit vielen Jahren für OLIMAR vor Ort in der italienischen Partneragentur tätig. Sie ist mit einem Kunsthistoriker verheiratet, wodurch sie immer bestens über aktuelle Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen in Italien informiert ist. Am liebsten würde sie sämtliche Events selber besuchen - aber auch darüber schreiben macht ihr Spaß.

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