Land & Leute
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Das Sotavento – Wandeln zwischen den Welten von Tavira und Quinta do Lago

Ria Formosa

Schon vor Jahrzehnten als Kinder waren mein Bruder und ich jedes Mal, wenn wir in den Sommerferien im Landeanflug auf Faro waren, ganz angetan von der langen Inselkette und der dahinter liegenden Lagune der Ria Formosa, samt ihren zahlreichen Bötchen und Fischerkuttern, die vom Flugzeugfenster aus so nah erschienen, dass wir am liebsten gleich in das türkisfarbene Wasser hineingesprungen wären. Tatsächlich hat es unsere Familie stets gen Westen gezogen, daher blieb dieser Teil der südlichsten Provinz Portugals für mich lange Zeit – abgesehen von einigen Golfplätzen dort – ein unbekannter Fleck. Das sollte sich nun endlich ändern!

Der östliche Teil der Algarve, das „Sotavento“ (Windschatten), sei im Sommer vor allem sehr beliebt bei den aus Lissabon und/oder dem Norden stammenden Portugiesen selber. Das Wasser ist hier grundsätzlich etwas wärmer und die Region allgemein touristisch weniger erschlossen und somit weit günstiger als die bekannte Westalgarve („Barlavento“). Viel mehr wusste ich bis dahin eigentlich nicht zu berichten.

Nach ein wenig Recherche fiel unsere Wahl auf Tavira, eine malerische Küstenstadt, ca. 30 Autominuten entfernt sowohl vom Flughafen Faro als auch zur Grenze zu Andalusien. Und als absoluten Kontrast hierzu wollten wir die letzten Tage in Quinta do Lago verbringen, die wohl prestigeträchtigste Gegend des Landes – und in der Wahrnehmung Vieler schon fast britisches Hoheitsgebiet. Portugal mal von einer ganz anderen Seite. Ich war gespannt!

Tavira
Tavira

Tavira – zurück zum Ursprung

Schon auf der Fahrt vom Flughafen in Richtung spanische Grenze fallen einem deutlich die Unterschiede zur Westalgarve auf – die Landschaft ist grün und zu beiden Seiten der Autobahn erstrecken sich üppige Orangen- und Zitrushaine, hier und da getrennt von aufgeschichteten Steinmauern. Natur statt Beton.

Etwas außerhalb von Tavira gelegen checken wir ein in der „Quinta da Lua“, einem entzückenden Boutique-Hotel inmitten einer duftenden Oase aus Lavendel und Rosmarin, Bougainvilleas, Olivenbäumen und Palmen. Der Hausherr, Miguel, hat sich hier mit viel Liebe zum Detail seinen Traum eines stilvollen Landgutes verwirklicht. Uns Gästen bietet sich ein absoluter Ort der Ruhe (und bei Dunkelheit ein spektakulärer Sternenhimmel!), welcher gleichzeitig idealer Ausgangspunkt für unsere kommenden Tagestouren ist.

Das Städtchen Tavira erstreckt sich auf beiden Seiten des Rio Gilão, welcher über die Lagunen des nahegelegenen Naturparks der Ria Formosa direkt in den Atlantik mündet. Tatsächlich reicht die Geschichte der kleinen Hafenstadt bis auf eine griechische Kolonie im 4. Jahrhundert v. Chr. zurück.

Saline Tavira
Saline in Tavira

Im 16. und 17. Jahrhundert durch die Einfuhr und den Handel mit nicht zuletzt aus den portugiesischen Kolonien eingeführten Waren sowohl wirtschaftlich als auch politisch führend in der Region, erinnert heute nur noch wenig an diese Hochzeiten – eher im Gegenteil, wirkt das verschlafene Küstenstädtchen mit seinen gefliesten Häuserfassaden und labyrinthartigen Kopfsteingässchen eher unprätentiös, dafür aber zu 100% authentisch. Bitburger-Werbung und/oder Irish Pubs sind hier (zum Glück) Fehlanzeige! Dennoch braucht man keine Bedenken haben, was die Verständigung betrifft. Natürlich wird auch hier überall Englisch gesprochen, wenngleich Bemühungen in der portugiesischen Landessprache immer positiv erwidert werden.

Die ersten Tage verbringen wir in der Altstadt (westlich des Rios). Wir parken unseren Wagen an der Saline und bummeln entspannt entlang des Rio Gilão. Die Zeit scheint hier ihren ganz eigenen Takt zu haben und wir passen uns schon bald dem Müßiggang an. Direkt am Ufer liegt die alte Markthalle („Mercado da Ribeira“), die nach umfassender Restaurierung heutzutage viele kleine Kunsthandwerkslädchen und Cafés beherbergt. Am Abend zieht es uns in die verschiedenen Lokale rund um die Rua Doutor Marcelino Franco, unweit des Praça da República. Die Straße bildet eine Art kleinen Platz, in deren Mitte diverse Bänke unter den schattigen Bäumen tagsüber zum Verweilen einladen. Rund herum verteilen sich diverse Cafés und Restaurants..

Den zweiten Teil der Woche stürzen wir uns in den etwas lebhafteren Teil rund um den Jardim da Alagoa (östlich des Rios). Auch hier reihen sich rund um den kleinen Park sowie in den angrenzenden, in der Hauptsaison teils verkehrsberuhigten Gassen, Restaurants an Restaurants. Wir sind Ende August dort, also sind die Läden grundsätzlich gut besucht, vor allem von Einheimischen und Spaniern. Die Nähe zum Nachbarland fällt nicht zuletzt durch die häufig an Tapas angelehnte Küche auf. Werden die portugiesischen Gerichte normalerweise als „prato“ (Teller) serviert, findet man hier auf den Speisekarten häufig kleinere Portionen – perfekt, um die abwechslungsreichen Kreationen einmal auszuprobieren.

Nach dem Abendessen nehmen wir einen Absacker im „Cafe Bar 22“, direkt am Rio Gilão gelegen. Katja und James servieren ihren Gästen neben Drinks – wie könnte es anders sein?! – ebenso eine kleine Auswahl an Tapas. Wir sitzen draußen, es ist auch am späten Abend noch herrlich mild. Ganz zauberhaft spiegelt sich die Kulisse des Ortes im ruhigen Wasser des Flusses. Wir genießen den wundervollen Ausblick über die Ponte Romana hinüber zur angestrahlten Igreja de Santa Maria do Castelo….“Saúde“. Prost!

Ria Formosa – Naturparadies für Tier und Mensch

Die Ria Formosa ist ein 60 km langes Lagunensystem entlang der Küste zwischen der Península do Ancão (auf Höhe des Flughafens Faro) und Manta Rota (ca. 10km vor dem spanischen Grenzfluss Guadiana). Direkte Verbindungen zum Meer sorgen für einen regelmäßigen Wasseraustausch. Diese fruchtbaren Feuchtgebiete sind nicht nur ein Schutzgebiet für Flora und Fauna, sondern bieten einen einzigartigen Lebensraum für seltene Pflanzen, 200 Vogelarten (darunter Flamingos) und unzählige Wassertiere.

Ria Formosa
Ria Formosa

Doch die kilometerlangen Sandstrände sind ebenfalls Magnet für sonnenhungrige Gäste. Und was wäre ein Sommerurlaub in Portugal ohne Strandbesuch?

Was sich vom Flugzeug aus immer so einladend präsentierte, stellt sich tatsächlich – zumindest in der Hochsaison – als kleine Herausforderung dar. Denn lassen sich an der Westalgarve die Strände problemlos mit dem Auto anfahren, so ist hier doch eine etwas aufwändigere Planung erforderlich

Tatsächlich kommt man über einen langen Abschnitt der Ria Formosa nur per Boot an die paradiesischen Sandstrände. Einzige Ausnahme sind der Zugang von Pedras d‘el Rei zum Praia do Barril (laufend oder alternativ mit der Bimmelbahn!) und dann wieder die Strandabschnitte ab Manta Rota und weiter östlich Richtung spanische Grenze (Praia Verde). Durch das hohe Gästeaufkommen Ende August bedeutet das schon mal etwas längere Warteschlangen. Es empfiehlt sich daher, früh loszufahren, um zunächst einen geeigneten Parkplatz zu bekommen, Ticket erwerben (kann bestenfalls vorab online gekauft werden) und dann einreihen, um auf eines der begehrten Boote zu kommen, die einen innerhalb max. 15 Minuten zu den unterschiedlichen Strandabschnitten der vielzähligen Düneninseln bringen.

Hinweis: Es gibt unzählige Anbieter für Touren ab/bis Faro, Olhão, Fuseta, Tavira und weiteren kleinen Ortschaften.

Und letzten Endes ist es egal, für welche der Inseln Sie sich entscheiden – eines haben sie alle gemeinsam: paradiesische Ruhe, türkisfarbenes Wasser und ewig weißen Feinsand!

Einen weiteren Vorteil hat es, wenn Sie früh dran sind: bei Ebbe bietet sich ein toller Blick auf die hiesigen Austernbänke, die einheimischen Muschelsammler sowie verschiedene Vogelarten.

Natürlich kann man bspw. ab dem Dörfchen Cacela Velha auch durch das Flachwasser in Richtung Sandbank laufen, doch sollte man hier unbedingt die Gezeiten berücksichtigen, sonst könnte es nass werden… aber keine Bange – im Zweifel nimmt einen ein Fischer gegen einen kleinen Obolus trockenen Fußes mit zur Insel oder zurück zum Festland. Kleiner Tipp: von der Kirche aus präsentiert sich ein atemberaubendes Panorama auf das Meer und die weitläufigen Sanddünen der Ria Formosa (Fotostopp!). Und da es hier selten rege Brandung gibt, ist der Strand für Kinder geradezu ideal.

Hinweis: Da die meisten Badeabschnitte nicht gemanagt sind, empfiehlt es sich unbedingt, einen Sonnenschirm sowie Getränke und bei Bedarf einige Snacks für den Tag mitzubringen.

Olhão – lebendiges Wimmelbild

Spätestens seit dem Ausbau des Yachthafens und der neuen Uferpromenade sollte man einen Abstecher nach Olhão unternehmen. Der quirlige Fischerort mit seinen Würfelhäusern nach marokkanischem Vorbild ist in seiner Art einzigartig und bietet nicht nur in den Sommermonaten eine bunte Abwechslung. Verpassen Sie auf keinen Fall die historische Markthalle! Die beiden einstöckigen, roten Backsteingebäude stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert und geben wohl das markanteste Bild des Ortes ab. Wen wundert’s, stammen die Entwürfe von niemand geringerem als Gustav Eiffel.

Markthalle von Olhao

Tauchen Sie ein in das muntere Marktgeschehen. Wer samstags kommt, kann darüber hinaus über den Bauernmarkt, außerhalb der Hallen, direkt entlang des Ufers schlendern… und wem der Blick auf die frischen Waren das Wasser im Munde zerfließen lässt – rund um die Markthallen und in den schmalen Gässchen des historischen Stadtkerns befinden sich zahlreiche Lokale und Cafés, ideal für einen „lanche“ (Mittagssnack).

Quinta do Lago – mehr als britisches Hoheitsgebiet

Nach Tagen in der Beschaulichkeit der Ost-Algarve betritt man wahrlich eine andere Galaxie, sobald man in die ersten Kreisverkehre des Luxusresorts von Quinta do Lago einfährt.

Die in den 70er Jahren eröffnete Urbanisation umfasst heutzutage verschiedene Apartmentanlagen, Hotels und zahlreiche High End Residenzen, die mit einem Wert zwischen 4 und 15 Mio. Euro angegeben werden. Ein auf den Gast zugeschnittener, personalisierter Rundum-Service gehört selbstverständlich mit zum Angebot. Die durchschnittliche Grundstücksgröße liegt bei 2.500 m². Manche Häuser sind derart gigantisch, wie man sie eigentlich eher aus amerikanischen Filmen kennt. Nicht zu Unrecht gilt Quinta do Lago als das Kalifornien Europas.

Natürlich ist diese Gegend weit entfernt von jeglicher Ursprünglichkeit, die der Algarve sonst ihren so ganz besonderen Charme verleiht. Doch die Vision, die der brasilianische Immobilienentwickler Andre Jordan bereits 1971 hatte, als er das Land erwarb, ist allen voran zu der damaligen Zeit (Portugal war bis April 1974 noch unter der autoritären Salazar-Diktatur) wirklich erstaunlich. Aber natürlich hat es Jahrzehnte gebraucht, bis aus Quinta do Lago das wurde, was es heute ist…

Quinta do Lago
Quinta do Lago

Das Areal am Strand, welches zunächst unter dem Namen Quinta dos Ramalhos bekannt war, war seinerzeit nichts weiter als ein weitläufiger Pinienwald rund um einen See, auf dessen Landzunge (mit fantastischem Blick auf die Ria Formosa) die Ruinen eines ehemaligen Bauernhauses, die Casa Velha, stand. Heutzutage befindet sich an genau dieser Stelle übrigens eines der Top Restaurants des Resorts, das „Casa do Lago“.

Die weitläufige, top-gepflegte Wohn- und Ferienanlage ist wahrlich eine Welt für sich. Und ja, es gibt tatsächlich Residenten, die das Land auch nach Jahren nicht ein einziges Mal außerhalb des Resorts erkundet haben (den Weg ab/zum Flughafen mal außen vor gelassen). OK, wenn man auf „Land & Leute“ verzichten möchte, findet man in Quinta do Lago tatsächlich alles, was man für einen glamourösen Lifestyle braucht: diverse Supermärkte, ein edles Shoppingcarré, eine top ausgestattete Multisportanlage samt Fitnesscenter und diversen Tennis- & Padel-Plätzen, Wassersport- und weitere Freizeitangebote, eine medizinische Klinik, selbst eine Post, mehrere hochkarätige Restaurants sowie – zählt man das angrenzende Vale do Lobo hinzu – insgesamt 7 Golfplätze der absoluten Spitzenklasse.

Lourenco Golf Course
Golfplatz San Lorenzo

Unsere Adresse für die verbleibenden Nächte ist das „Magnolia Hotel“, ein knallbuntes 4-Sterne Boutique-Hotel im Stile eines amerikanischen Motels aus den 50er Jahren, was ein relativ junges Klientel anspricht.

Tatsächlich hat sich Quinta do Lago im Allgemeinen in den letzten Jahren ungemein gewandelt. War die Region noch bis in die 2000er Jahre vor allem bekannt für zahlungskräftige Senioren, die ihre Tage primär mit Golfspielen verbrachten, so zieht es heutzutage die Generation der „Millennials“ an. Entsprechend hat sich auch das Angebot vor Ort angepasst. Die Locations sind hip, modern und trendy.

Passend zum aktuellen Zeitgeist wird auch das Thema Nachhaltigkeit akribisch verfolgt. So stammen z.B. die meisten Produkte, die in den Resortrestaurants verwendet werden, aus eigenem Anbau (Q Farm), wodurch Lieferketten verkürzt werden. Der Fuhrpark ist primär auf Elektroantrieb umgestellt. Und auch im Freizeitbereich ist die ständige Optimierung der Bewässerung sowie Wasseraufbereitung auf den Golfplätzen ebenso Teil der laufenden Öko-Strategie wie die Renaturierung einheimischer Pflanzen- und Tierarten.

À propos Golf – natürlich kann man den Golfsport unmöglich von Quinta do Lago/Vale do Lobo ausklammern, war dieser maßgeblich für die Entwicklung der Region verantwortlich, doch tatsächlich bieten sich heutzutage auch fernab der exquisiten Fairways jede Menge attraktive Alternativen. Unbedingt empfehlenswert ist bspw. eine Wanderung oder Radtour über die Wanderwege und top ausgebauten Holzstege entlang der Ria Formosa (Ludo oder São Lourenço Trail). Wer einen ausgiebigen Strandspaziergang bevorzugt oder im Sand liegend einfach nur faulenzen möchte, der findet an dem kilometerlangen Sandstrand zwischen Ancão bis nach Quarteira mit Sicherheit seinen ganz persönlichen Lieblingsplatz…

Wir schließen unsere Reise mit einem Sundowner auf dem Rooftop des „Bold Octopus“ und genießen ein letztes Mal den Ausblick auf den Atlantik und den naturbelassenen Küstenstreifen. Até à próxima.

Wir kommen wieder!

Praia do Ancão
Praia do Ancão

Weitere Restaurantempfehlungen

1. Tavira

2. Quinta do Lago

OLIMAR Tipp

Auf Entdeckungstour an der Ostalgarve darf natürlich nicht das passende Hotel fehlen. Das HOTEL PEDRAS DA RAINHA zum Beispiel bietet sich vor allem gut an für Familien auf der Suche nach Entspannung – auch für den Geldbeutel. Die einladenden Ferienwohnungen, die sich auf mehrere hübsche, Algarve-typische Häuschen in einer schönen Gartenanlage verteilen, haben eine funktionale und zwecksmäßige Ausstattung. Die Schönheit der Algarve lässt sich auch vom HOTEL QUINTA DOS POETAS aus wunderbar genießen. Mitten im Grünen des küstennahen Hinterlandes, wenige Autominuten von Olhão oder Faro entfernt, bietet dieses kleine, äußerst gepflegte und familiengeführte Landhotel sehr herzlichen Service. Das Highlight ist das viel gelobte hoteleigene Restaurant mit schmackhafter Regionalküche aus marktfrischen Zutaten. Besonders authentisch und zugleich umweltverträglich logiert man im HOTEL VILA GALÈ ALBACORA. Sehr gelungen wurde hier eine ehemalige Fischersiedlung mitsamt alter Kirche und unter Beibehaltung teilweise denkmalgeschützter Bausubstanz in ein attraktives Urlaubsdomizil umgebaut. Das ruhig im Naturschutzgebiet Ria Formosa gelegene Hotel bietet neben einer Vielzahl von Annehmlichkeiten einen schönen Blick auf die Mündung des Rio Gilão und wurde vor einigen Jahren als Eco-Hotel vom TÜV Rheinland zertifiziert.

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